Welche Lösungen bieten IBM, Microsoft, EMC, SAP, Oracle und Open Text potenziellen Kunden?
von Thomas Magin, Senior- Berater Pentadoc AG, Guido Schmitz
Mit Ausnahme von IBM haben die großen Softwareanbieter das Thema ECM lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt. Das ist inzwischen anders: Begonnen hat EMC im Jahr 2003: Für 1,7 Milliarden Dollar schluckt der Speicherriese Documentum. Im vergangenen Jahr hat IBM den ECM-Spezialisten FileNet für 1,6 Milliarden Dollar gekauft. Open Text schnappte sich Hummingbird für fast 490 Millionen Dollar. Auch Stellent hatte versucht, sich durch Übernahmen im Konsolidierungskampf zu behaupten, bevor dann die Übernahme durch Oracle kam. Kein Wunder: Enterprise-Content-Management (ECM) rückt auf der Agenda der IT-Verantwortlichen immer weiter nach oben. Auch wenn es nicht immer und überall eine einheitliche Definition von ECM gibt, herrscht Konsens: Strukturierte und unstrukturierte Informationen sind in geordnete Bahnen zu lenken, Content und Geschäftsprozesse sind zu koppeln und einfache Zugriffsmöglichkeiten für Mitarbeiter und Teams auf unternehmensweit verfügbares Wissen zu eröffnen, stärkt die Leistungsfähigkeit beträchtlich.
Welche Lösungen bieten die Großen der Branche dem potentiellen Kunden? Geht es um ECM auf Infrastrukturebene, sind nach den Meinungen der internationalen Analysten EMC und IBM die klaren Marktführer.
Ältester Spieler: IBM
IBM als Infrastrukturanbieter und ältester Spieler auf dem ECM-Markt steht sozusagen konkurrenzlos da. IBMs Stärken liegen im breiten ECM-Produktportfolio und der gesamten Information-Management-Strategie. Der Konzern hat im vergangenen Jahr den ECM-Anbieter FileNet übernommen. Beide Unternehmen, FileNet als Spezialist und IBM mit der entsprechenden Einheit innerhalb der Software Group, zählen nach Gartner zu den führenden Anbietern im ECM-Markt. Dem ohnehin unübersichtlichen Portfolio wurden durch die Übernahme des ECM-Anbieters Filenet noch weitere Produkte hinzugefügt. Wenig hilfreich ist dabei sicherlich auch die Tatsache, dass sich Big Blues ECM-Strategie mit DB2, Websphere und Workplace über drei Produktfamilien erstreckt.
Erfolgreich eingekauft: EMC
EMC hat sich durch zahlreiche Akquisitionen von Unternehmen – Captiva, Legato, Documentum, Interlink, nLayers, Authentica, Acartus, etc. – in kürzester Zeit ein komplettes ECM- und ILM-Portfolio zugelegt. Auch wenn noch einiges an Integration und Produktharmonisierung geleistet werden muss, ist EMC heute einer der wichtigsten Player im ECM-Markt.
EMC Documentum ist dabei, sein Produktportfolio als eine komplette Information-Lifecycle-Plattform zu gestalten. EMC bietet ein breites ECM-Angebot und hebt sich auch durch erweiterte Fähigkeiten wie unternehmensweite Suche (Enterprise Search), Content Integration und die Unterstützung für gemeinsames Arbeiten hervor.
Ob EMC seine Position halten wird, hängt laut den Analysten vor allem davon ab, ob der US-Hersteller auch Anwender mit kleineren Bedürfnissen erreichen kann. Dazu müsste das Angebot an Branchenlösungen weiter ausgebaut und die Implementierungszeiten sowie die Komplexität der Produkte reduziert werden.
Im Bandel mit allen: Open Text
Als einziger reiner ECM-Spezialist ist Open Text unter den Marktführern verblieben. Mit dem Kauf von Hummingbird haben die Kanadier ihre Technologiebasis und ihr Branchen-Know-how erweitert und können nun besser gegen die großen Konkurrenten IBM und EMC bestehen. Mit dem Abschluss der Übernahme von Hummingbird wurden zwei zentrale Entscheidungen getroffen: Die RedDot-Lösungen von Hummingbird werden als Teil einer umfassenden Web-Content- Management-Strategie weitergeführt. Ferner bleibt Hummingbird Connectivity ein eigenständiger Geschäftsbereich, der sich auf die Bereitstellung seiner marktführenden Services konzentriert. Die Konzentration des Unternehmens auf Lösungen findet ihre Entsprechung in den strategischen Partnerschaften, die Open Text mit Microsoft, Oracle und SAP geschlossen hat. Dadurch ist Open Text in der einzigartigen Position, ECM-Lösungen zu entwickeln, die das Angebot aller drei großen Anbieter von Unternehmenssoftware erweitern und ergänzen.
Auf der Überholspur: Oracle
Oracle steigt durch die Übernahme von Stellent mit in den Ring der großen ECM-Anbieter. Mit den Stellent-Lösungen ist Oracle nun in der Lage, eine breite Palette an Content-Management-Funktionen anzubieten. Auch der Datenbankspezialist marschiert in Richtung ECM: Im vergangenen Jahr kündigte Oracle die Produkte »Content Database« und »Records Database« an, die als Optionen für die »10g Enterprise Edition« angeboten werden. Datenbankanbieter wie Oracle bieten Alternativen zur herkömmlichen Verwaltung mit einem DMS oder Archiv durch direkte Speicherung der Objekte in der Datenbank selbst.
Oracle mache mit der jüngsten Akquisition vor allem gegenüber IBM Boden gut. Der weltgrößte IT-Konzern hatte in der Vergangenheit kontinuierlich sein eigenes ECM-Portfolio ausgebaut. Stellents ECM-Suite komplettiert das Angebot der Ellison-Company, dem es bislang an Funktionalitäten gemangelt hat. Zudem erhöhe Oracle den Druck auf seinen ärgsten ERP-Widersacher SAP. Der deutsche Softwarekonzern verknüpft seine Business-Applikationen eng mit den Produkten von Open Text und tritt damit als eigenständiger ECM-Player im Markt nicht in Erscheinung.
Gegenüber Mitbewerber SAP verschafft sich Oracle sogar einen wichtigen Vorteil. Das Walldorfer Unternehmen hatte bisher von Oracles ECM-Schwäche profitiert, ohne selbst ein Marktführer in dem Bereich zu sein.
Von ERP zu ECM: SAP
Die SAP AG, mit Hauptsitz in Walldorf, ist heute der weltweit drittgrößte unabhängige Softwareanbieter mit Niederlassungen in über 50 Ländern. Für SAP führt der Weg zum Ziel nicht über isolierte Einzellösungen, sondern über das Miteinander von Anwendungen für Archivierung, elektronische Aktenverwaltung und Knowledge-Management. Sie werden über SAP NetWeaver einfach integriert und können direkt mit SAP-Business-Objekten verlinkt werden.
Das ERP-System von SAP beispielsweise übernimmt mit dem Business-Process-Management (BPM), Records-Management, einem Dokumenten-Repository oder einer eigenen Suchmaschine immer mehr Funktionen für das Content-Management. Anwender können die fehlenden Erfassungs- und Speicherkomponenten ankoppeln und auf ein ergänzendes ECM-System verzichten. Das betrifft nicht nur die Archivierung von Dokumenten.
SAP als klassischer ERP-Anbieter dehnt sich von datenorientierten zu dokumentenorientierten Lösungen aus. ECM von SAP macht aber nur in SAP-basierten Umgebungen wirklich Sinn. Ist es notwendig, ein umfassenderes ECM zu etablieren, wird SAP Druck von Oracle und Microsoft bekommen.
Sorgt für Aufruhr: Microsoft
Microsoft ist erst spät mit eigenen Produkten in den ECM Markt eingestiegen. Microsoft verfolgt mit der Version 3 der »Sharepoint Services« das Ziel, alle wesentlichen Bausteine für das ECM auf einer Plattform zu versammeln. Das Unternehmen wirbt damit, dass es mit Ausnahme einer Erfassungskomponente und einer Archivlösung bald über ein vollständiges Portfolio für die Verwaltung, Verteilung und Verarbeitung gering strukturierter Informationen verfügen werde. Microsoft plant mehr in ECM zu investieren und hat auch schon eine Strategie für einen Information-Workplace. So wird es nur eine Frage der Zeit sein, wann Microsoft auch in diesem Markt sehr stark vertreten sein wird.
Nach Forrester ist Microsoft auf jeden Fall der größte Visionär im ECM-Umfeld. Und wen kauft Microsoft? Bisher konzentriert sich Microsoft noch auf seine eigenen Stärken und verstärkt die fehlenden Funktionalitäten oder das fehlende Branchen-Knowhow durch seine Partner. Eine immer wichtigere Rolle im Geschäft mit ECM spielt Microsoft! Das Prinzip ECM-Technologie quasi mit dem Betriebssystem zu günstigen Preisen zu verkaufen scheint aufzugehen. Doch wichtig dabei ist: ECM ist keine technologische, sondern eine organisatorische Herausforderung! Dies scheint auch Microsoft erkannt zu haben, da die Anzahl der verkauften Sharepoint-Server nicht im Verhältnis zu den gekauften Benutzerlizenzen steht. Hier zeigt sich, dass viele Firmen einfach mal einen oder mehrere Sharepoint-Server gekauft haben, aber ECM nicht einfach so zu benutzen ist…
Fazit
Grundlegende Contentmanagement-Funktionen werden Teil der Infrastruktur. Dies führt dazu, dass fast ausschließlich die Generalisten den Markt dominieren. Die verbliebenen ECM-Spezialisten konzentrieren sich auf Branchenlösungen oder einzelne Komponenten wie beispielsweise Web-Contentmanagement, Inputmanagement oder Archivierung.
Die Grenzen verschwimmen, das Profil der Branche verwischt, ECM entwickelt sich zur Basistechnologie. Während IBM und EMC schon lange auf das Thema setzen, wollen nun auch Microsoft, Oracle und SAP den ECM-Markt erobern. Die Folge: Immer mehr ECM-Funktionen verschwinden in Betriebssystemen, wandern in Datenbanken und in Standardanwendungen. Viele Basisfunktionen werden aus den Systemen direkt bereitgestellt.
Das ist die eine Seite - die andere: In jedem Unternehmen gibt es dokumentgetriebene Prozesse, die applikationsübergreifend sind und auch weiterhin von einem ECM-System abgebildet werden.
Zudem lockt der ECM-Markt mit zusätzlichen Service-Einnahmen. So gehen Schätzungen heute dahin, dass die Kosten für die Einführung einer umfassenden ECM-Lösung die Lizenzkosten um das 1,5 bis 5-fache übersteigen. Insbesondere die Umsetzung von Dokumentenprozessen gehört dabei zu einer der aufwändigsten Arbeiten, die bisher viele Anwender erst in Teillösungen angegangen sind. Auch daran muss man erkennen: