Fusionen, viele rechtliche Anforderungen und der Zwang auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben: der Alltag jedes IT-Leiters in Finanzinstitutionen.
Fusionen, viele rechtliche Anforderungen und der Zwang auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben: der Alltag jedes IT-Leiters in Finanzinstitutionen. Wie man das bewältigt?
Wir haben Mike Rothberg, IT-Leiter ECM bei Cortal Consors, über die Schulter geschaut.
Was waren die Meilensteine Ihres ECM-Wegs bei Cortal Consors?
Rothberg: Nun, zunächst haben wir wie viele Unternehmen mit der digitalen Archivierung begonnen. Nach einem langen Auswahlverfahren haben wir uns für Filenet entschieden. Dann kamen die virtuelle Kundenakte und schließlich das Online-Archiv für unser Webportal. Das hat sich ausgezahlt: Die meisten unserer Kunden erhalten heute alle Dokumente online. Seitdem haben wir über 130 Millionen Dokumente digitalisiert. Heute müssen wir kaum noch drucken und verschicken. Schließlich haben wir uns an Business-Process-Management herangetraut und diverse Prozesse automatisiert. Heute sind wir ASP-Dienstleister im Konzern.
Nebenbei hatten Sie auch noch die Fusion mit Cortal zu bewältigen. Da fließen ja hinter den Kulissen oft die Tränen. Nicht jeder freut sich über die viel beschworenen Synergieeffekte. Wie war das bei Ihnen?
Rothberg: Die BNP Paribas hat uns aus drei Gründen gekauft: Erstens waren wir die Eintrittskarte in den deutschen Markt, unsere Kundenliste war ein zweites Argument und das dritte war die Technologie, die man sich mit uns ins Haus geholt hat. Als Direktbank war Consors technologisch besser aufgestellt. Eine Direktbank muss in punkto Internet innovativ sein. Aber auch hinter den Kulissen waren wir fortschrittlicher. Seit 2000 arbeiten wir mit Filenet. Außerdem hatten wir vieles, was es in Frankreich noch gar nicht gab. So gesehen war es auch für die Franzosen in Ordnung, einiges von uns zu übernehmen. Vieles ist aus Frankreich nach Deutschland verlagert worden.
Wie lange dauerte das Zusammenwachsen der IT und was ist technisch gesehen passiert?
Rothberg: Das Zusammenwachsen hat etwa zwei bis drei Jahre gedauert – letztlich geht es immer noch weiter. Unsere Technik hat einfach überzeugt. Wie haben die »hot facts« herausgearbeitet und Kosten und Nutzen gegenübergestellt. Im Einzelnen: Frankreich ist hostzentriert aufgestellt, in der IBM-Mainframe-Welt zu Hause. Wir sind ein junges Unternehmen, 1994 gegründet. Deshalb konnten wir – was die IT betrifft – auf der grünen Wiese anfangen. Bei uns sind Java und Sun Dogma. Alles, was wir machen, ist java- und unix-lastig. Allerdings wird das Backend in Frankreich, der Host, bestehen bleiben. Aber auch auf Systemebene hatten die französischen Kollegen vieles nicht: Der Webauftritt war technisch nicht auf dem neuesten Stand; eine intelligente Middleware fehlte. Als Archiv hatte man Tower im Einsatz, den Workflow regelten die Kollegen auf Staffware, heute Tibco. Bei uns wurde das alles mit einer Lösung abgedeckt. Inzwischen läuft die Rechnungsprüfung auch in Frankreich auf Filenet. Die französische Webseite wird in Nürnberg gehostet. Das Online-Archiv von Filenet lagert auch die Dokumente der französischen Webseite. 2008 werden wir weitere Applikationen auf Filenet P8 umstellen. So werden wir in Frankreich nun auch eine Vertragsdatenbank einführen.
Fusionen sind für die Mitarbeiter meist schrecklich. Entlassungsängste, verschiedene Unternehmenskulturen treffen aufeinander. Wie hat Cortal Consors die Fusion abgewickelt?
Rothberg: Es gibt kein Patentrezept! Der Prozess war schwierig: Zunächst war ein gemeinsames Verständnis notwendig. Technik ist nur eine Seite – über Technik zu sprechen eine weitere. Klar gab es auch sprachliche Barrieren zu überwinden und kulturelle Rücksichten zu nehmen. Neben dem gemeinsamen Verständnis war eine Projektorganisation notwendig, in der sich alle Beteiligten wiederfinden. Allen Beteiligten wird viel Motivation und auch viel Rücksichtnahme abverlangt. Schließlich mussten die französischen Kollegen viele Systeme aufgeben. Wichtig ist, dass das Management einen klaren Fahrplan erstellt. Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Allerdings muss man den Mitarbeitern auch Zeit geben, sich kennen zu lernen. Eine Findungsphase ist notwendig, in der genügend Zeit ist, sich gemeinsam im Projekt zu etablieren.
Da Sie schon so lange mit einem Archiv arbeiten, haben Sie doch sicher auch schon Erfahrungen mit Migrationen gemacht?
Rothberg: Migrationen sind ein Dauerbrenner, der spätestens alle zwei Jahre fällig ist. Wir archivieren auf EMC-Disc-Store. Filenet liefert dann die Archivierungslogik dazu. Doch unsere Informationen wachsen so schnell, dass uns 3,5 Terabyte bald nicht mehr reichen werden. 2008 werden wir auf 6 Terabyte aufstocken. Und auch das wird nur bis 2010 reichen, dann ist die nächste Erweiterung fällig.
Und das kostet …
Rothberg: Natürlich! Hardware- und Softwaremigrationen verschlingen einen Großteil der IT-Gelder.
Wie teilen Sie Ihr Budget auf? Was brauchen Sie, um Ihre IT am laufen zu halten, und was investieren Sie für neue Projekte?
Rothberg: Wir haben zwei Kostenblöcke: »Run the Bank« und »Change the Bank« Für »Run the Bank«, also für die Aufrechterhaltung des Betriebs, geben wir etwa 50 Prozent unseres Budgets aus. Und 50 Prozent investieren wir in mehr Wachstum.
Welche Kosten ärgern Sie am meisten?
Rothberg: Jeder Strategiewechsel eines Softwareherstellers kostet uns. Früher haben wir mit Visuell Basic gearbeitet. Das wird nun nicht mehr von Microsoft unterstützt. Weshalb auch wir auf .Net umgestiegen sind. Das heißt aber auch, dass wir in unser Wissen investieren müssen. Was die Hersteller oft vergessen: Den Anwendern den Nutzen einer solchen Umstellung zu erklären. Die Anwender dürfen nicht nur den Strategiewechsel mittragen, sondern müssen sich auch noch die »business cases « selbst erarbeiten. Vielen Dank auch.
Welches Fazit ziehen Sie nach acht Jahren Arbeit mit einem ECM-System?
Rothberg: Das Interessante an einer ECM-Lösung ist: Mit der Einführung ist es nicht getan. Eine ECM-Lösung wächst und wächst und wächst. Permanent kommen neue Anwendungen hinzu. Seit acht Jahren erleben wir das.