Gastkolumne von Dr. Ulrich Kampffmeyer, Project Consult Unternehmensberatung
Dr. Ulrich Kampffmeyer, Project Consult Unternehmensberatung Das Kürzel »2.0« steht heute einfach für »neu«, »modern«, »zukunftsweisend«. Begonnen hat es mit der Web-2.0-Konferenz von O`Reilly. Web 2.0 steht weniger für neue Technik, sondern verbindet sich mit neuen Kommunikationsformen und einem veränderten Benutzerverhalten: Blogs, Social Communities, Wikis, Content Syndication, RSS-Feeds, User-generated-Content, Folksonomy, Voting, Collaboration, Foren und neuen Ansätzen von E-Business. Will man doch aus technischer Sicht auf Web 2.0 blicken, dann verbirgt sich dahinter eine Kombination aus Technologien, die bereits Ende der 1990er Jahre entwickelt wurden, z. B. Web-Service-APIs, Ajax und Abonnement-Dienste wie RSS. In neuerer Zeit wurde das Technologieportfolio um Anwendungen wie Blogs, Wikis und Foren ergänzt. Eine wichtige Veränderung, die sich hinter Web 2.0 verbirgt, ist, dass nicht mehr die Programme auf dem Rechner zählen, sondern das Internet selbst die Anwendung wird. Man kann bezogen auf Web 2.0 sagen, dass es auch eine gesellschaftliche Veränderung mit sich bringt. Verlassen wir jedoch die Diskussion um Web 2.0, längst ist sie um Web 3.0 und Folgeversionen entbrannt, und wenden uns dem eher bodenständigen Thema Enterprise-Content-Management zu.
Was macht ECM 2.0 aus, oder besser was könnte ECM 2.0 ausmachen? In erster Linie setzen die ECM-Anbieter auf neue Oberflächen und auf die Einbindung von Web-2.0-Technologien. Hierzu gehören in erster Linie die Einbindung von Wikis, Blogs, Foren, Community-Funktionen, Mashups und RSS-Feeds. Wurde die Entwicklung zunächst von Firmen getrieben, die aus dem WCM-Umfeld in den ECM-Markt drängten, so setzen inzwischen auch die großen Standard-ECM-Softwareanbieter wie EMC, IBM und andere auf diesen Trend. Zurzeit geschieht dies allerdings sehr oberflächlich. Wer hat sich z. B. schon einmal Gedanken gemacht, wie der Inhalt von Wikis langfristig zu archivieren ist und was mit dem Debris von RSS-Feeds passiert. Unter dem Slogan Enterprise 2.0 halten Web-2.0-Ansätze inzwischen Einzug in die Unternehmenssoftware und besonders in die Intranets. Also muss man beim Thema ECM nachziehen und das nennt man dann passend ECM 2.0.
Aber kann ECM einen eigenständigen Beitrag jenseits von Web-2.0-Funktionsintegration liefern? Die Antwort ist ja.
Erstes Beispiel: Alle leiden unter der E-Mail-Flut. ECM 2.0 mit Business-Process-Management in Kombination mit Wikis, Blogs, Online-Chat oder RSS (die Betonung liegt auf ODER, man sollte zu viele parallele Informationskanäle vermeiden) kann E-Mail in den Unternehmen und in Extra-Nets weitgehend überflüssig machen. Man löst so auch das Problem der E-Mail-Archivierung durch zentral verwaltete Repositorys, handelt sich jedoch neue Datenverwaltungsprobleme ein.
Zweites Beispiel: die Renaissance des Wissensmanagements durch Community-Software verbunden mit Wikis, zentralen Informationsrepositorys und Foren. Mit einfachen Mitteln und getrieben durch den Anwender können so Wissensbasen einfacher als in der Vergangenheit aufgebaut werden. Drittes Beispiel: Klassifikation zusammen mit Folksonomy, Voting und Tagging erlaubt neue Wege der Erschließung und Navigation durch Informationsbestände jenseits herkömmlicher Taxonomien und Indizierung mit Metadaten. In Zusammenhang mit semantischen Netzen und intelligenter automatischer Klassifikation geht hier der Zug bereits in Richtung 3.0 ab.
Sich das Schild »2.0« umzuhängen, reicht nicht: Die ECM-Branche sollte den Nutzen für die Anwender in den Unternehmen jenseits des Web-2.0-Hypes aufzeigen. Hier haben Produktentwicklung und Marketing gleichermaßen viel zu tun.
Dr. Ulrich Kampffmeyer, Project Consult Unternehmensberatung