Rudolf Gessinger, CEO, Saperion
Das Bedürfnis, eine ECM-Lösung tatsächlich auch einzusetzen und zu nutzen, wird für viele Unternehmen täglich drängender. Trotzdem kommt der ECM-Markt nicht so richtig vom Fleck. Viele potenziellen Anwender haben Problemstellungen – wissen aber vielleicht nicht, dass eine ECM-Lösung hier helfen würde. Um sich als ECM-Anbieter richtig zu positionieren, haben sich sieben deutsche ECM-Softwarehäuser zur ECM Allianz Deutschland zusammengeschlossen.
ECMguide.de sprach mit Rudolf Gessinger, Geschäftsführer der ECM Allianz Deutschland GmbH und CEO des Berliner ECM-Softwarehauses Saperion, über die Herausforderungen auf dem ECM-Markt, und was die Initiative »ECM jetzt!« dazu beitragen möchte.
Unter dem Slogan »ECM jetzt!« haben sich sieben deutsche ECM-Softwarehäuser zur ECM Allianz Deutschland zusammengeschlossen, um die Enterprise-Content-Management-Thematik voranzubringen. Machen die großen ECM-Anbieter zu wenig?
Gessinger: Unser Eindruck ist in der Tat, dass die großen Hersteller das Thema ECM irgendwie in diversen anderen Strategiethemen unterpflügen. Die Bedeutung und Wertschöpfung des Enterprise-Content-Management wird gegenüber dem Kunden nicht mehr so stark hervorgehoben und durch andere Modethemen teilweise überlagert. Dabei ist der Trend eindeutig: Das Gros des Datenwachstums beim Kunden, von mittelständischen bis Großunternehmen resultiert von unstrukturierten Daten (u.a. Bilder, Emails, Sprache, Videos). Signifikante Geschäftspotenziale können hier gehoben werden. Und ECM lautet hier die klare Antwort.
Aber die großen IT-Unternehmen wie IBM oder EMC fielen doch gerade in den letzten Jahren mit Übernahmen im ECM-Bereich auf, wie zum Beispiel Filenet oder Documentum. Ist das nicht Bekenntnis genug pro ECM?
Gessinger: Trotz dieser Übernahmen – die ECM-Thematik verschwindet heute unter einer riesigen großen Glocke von anderen Applikationsthemen. Ich war selber über 20 Jahre bei IBM, ich habe das deshalb genau verfolgt. Bei EMC und Documentum sehen wir das ganz deutlich. Oder schauen Sie sich Autonomy und die Übernahme von Interwoven an – das gleiche. Man wollte ein paar Technologien von Interwoven, die nun die Autonomy-Applikationen einsickern. Aber eine ECM-Thematik wird hier nicht mehr hervorgehoben.
Ticken hier größere Hersteller anders als kleinere?
Gessinger: Natürlich. Wenn große Anbieter wirklich etwas bewegen wollen, dann gründen die sehr schnell eine dedizierte Organisation dafür. Und dort werden dann die entsprechenden Technologien und Produkte eingebracht. Sieht man beispielsweise hier sehr gut bei SAP und ihrer Mittelstandsinitiative.
Und mit den sieben Firmen und der Kampagne »ECM jetzt!« glauben Sie, eine entsprechende Organisation aufbauen zu können?
Gessinger: Im ersten Schritt wollen wir Aufmerksamkeit für das wichtige Thema erzielen. Obwohl wir im Wettbewerb stehen haben wir uns auf übergeordnete, gemeinsame Ziele geeinigt Ziele geeinigt, zum Nutzen der Kunden. Wir alle haben sehr gute Lösungen und sind die bedeutendsten ECM-Unternehmen in Deutschland. Mit dieser ECM Allianz Deutschland adressieren wir schwerpunktmäßig den Mittelstand. ECM ist sehr wichtig und das Nutzenpotential wollen wir darstellen und transparent machen. Wir haben uns entschieden, mit einer kleinen und sehr schlagkräftigen Gemeinschaft einfach zu beginnen, das sind die sieben Unternehmen. Auch die EU fing als EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) mit sechs Staaten in einem lockeren Handelsverbund an, um nun nach vielen Jahren mit fast 30 Mitgliedern an der Zahl eine weitumfassende und schlagkräftige Organisation darzustellen. Oder ein anderer Vergleich: Es reicht, zunächst in der zweiten Bundesliga zu starten, um sich dann in die erste Liga hochzuarbeiten. Wir werden schlicht und einfach beweisen: Gemeinsam können wir mehr. Das Potential ist sehr groß. Und auch wenn wir Wettbewerber sind und bleiben, haben wir doch viele Gemeinsamkeiten.
Was ist Ihr Hauptanliegen?
Gessinger: Priorität Nummer Eins ist, die ECM-Thematik und ihren Nutzen bekannter zu machen. Dazu gehören beispielsweise informative Roadshows. Fünf haben wir zunächst verabschiedet, zwei davon bereits abgehalten. Drei finden im ersten Quartal nächsten Jahres statt. Nehmen wir das Beispiel SAP-Anbindung – das kann jeder von uns. Aber gemeinsam können wir die Bedeutung dieser Sache viel besser herausstellen. Viele Unternehmen sind sich noch immer überhaupt nicht bewusst, welche Effizienzpotenziale in der Organisation digitaler Unternehmensdaten schlummern. Ob es automatisierte Ablageprozesse sind, die Sicherung der Regeltreue, die Vermeidung doppelter Arbeiten oder Zeitersparnis durch verschlankte Prozesse: Durch das Management von Informationen lässt sich die Arbeitsorganisation nachhaltig verbessern.
Könnten Sie sich vorstellen, auch Standards zu beeinflussen?
Gessinger: Zumindest können wir gemeinsam stärker auftreten und mitreden. Unter den deutschen ECM-Herstellern machen die sieben in der ECM-Allianz vertretenen Firmen immerhin rund 50 Prozent der hiesigen Umsätze aus. (Anm.d.Red: Neben Saperion gehören noch d.velop, Easy Software, ELO Digital Office, Optimal Systems, SER Solutions Deutschland und windream dazu.) Das ist schon mal eine Hausnummer. Damit können wir beispielsweise den Mittelstand – unsere prädestinierte Zielgruppe – ganz anders adressieren.
Den Begriff ECM gibt es schon eine zeitlang. Grob geschätzt, runde zehn Jahre. Ist die Thematik immer noch nicht beim Kunden angekommen?
Gessinger: Um beim Mittelstand zu bleiben – dort ist der Begriff ECM noch kaum angekommen. Wenn Kunden googlen und bei uns landen, dann selten mit dem Suchbegriff ECM. Eher sind es Schlagwörter wie Dokumentenmanagement, Archivierung, Workflow, Scanning oder Projektmanagement.
Hat die ECM-Allianz eine Branchenausrichtung?
Gessinger: Nein, wir sehen uns eher so, dass wir die Infrastrukturseite vertreten. Jeder Partner legt natürlich seine Schwerpunkte auf die Branche, die er ohnehin bearbeitet.
Haben Sie schon erste Reaktionen?
Gessinger: Es ist ja so, dass die ECM-Allianz in dieser Konstellation ein Novum in der Industrie ist. Viele beobachten uns, was wir alles machen. Und es sprechen uns auch welche an, wie wir das überhaupt zustande gebracht haben. Schließlich sind eigentlich fast alle Mitglieder Wettbewerber untereinander. Aber trotzdem: Die Resonanz ist gut, und die Nachfrage steigt auch.
Warum haben Sie das nicht innerhalb des VOI gemacht?
Gessinger: Es ist gut, dass es den VOI gibt. Aber es wäre dort nicht möglich gewesen, weil der VOI von den Themen her viel mehr in die Breite geht und sehr vielen Mitgliedern gerecht werden muss. Wir haben gemeinsam viel Geld in die ECM-Allianz reingelegt, um nur diese Thematik eigenständig aufzubereiten.
.