22.02.2012 (as) Drucken
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ECM-CeBIT-Trends: Dr. Ulrich Kampffmeyer im Interview

Die ECM-Zukunft sieht Dr. Ulrich Kampffmeyer, Geschäftsführer und Berater bei Project Consult wenig ruhmreich in der Nische endend. Trotzdem gibt es genügend Themen und Lösungen, über die sich die CeBIT- Besucher vor Ort ein Bild machen können. Als Haupttrends erachtet Kampffmeyer Mobility, Cloud und Social Media.

Welche ECM-Themen stehen auf der CeBIT besonders im Vordergrund?

 Ulrich Kampffmeyer
Ulrich Kampffmeyer
Kampffmeyer: Nimmt man den Kernbereich vom traditionellen ECM Enterprise Content Management dann werden dies elektronische Akten, Posteingangslösungen, elektronische Formulare, Archivierung, Geschäftsprozessmanagement und Collaboration sein. Blickt man auf Systeme, dann sind Lösungen rund um Sharepoint, Tablets und Enabling anderer Anwendungen von Interesse. Natürlich werden auch Nutzungsmodelle wie der Betrieb in der Cloud oder Bereitstellung als SaaS-Anwendung thematisiert. Erwartet man jedoch eigene ECM-Trendthemen, so wird man enttäuscht und muss konstatieren, dass ECM kein Trendsetter ist sondern den Trends anderer ITK-Segmente hinterherläuft. ECM kam vor 20 Jahren aus der Nische und endet jetzt wieder dort. Die Funktionalität wird Allgemeingut und wandert in den Untergrund anderer Systeme.

Mit welchen ECM-Produkt-Highlights rechnen Sie auf der CeBIT?

Kampffmeyer: Highlights – keinen. Verbesserungen – vielen. Besonders an den Benutzeroberflächen wird sich viel getan haben, da hier neue Maßstäbe durch Mobile & Consumerization gesetzt wurden. Intuitive Nutzungsmodelle anstelle überfrachteter, altbackener DMS-Oberflächen. Ich persönlich freue mich auf ein paar Lösungen, die semantische Technologien umgesetzt haben, multilinguales Vorlagen-, Thesaurus- und Klassifikations-Management beherrschen, Web-Seiten- und Web-Transaktions-Archivierung einfach gestalten, und als »Dreiknopf-ECM-Lösungen« sinnvoll in andere Anwendungen wie technische Dokumentation, CRM, PLM etc. integriert sind. Spaßmachen werden hier Lösungen, die das Leben mit den komplexen Systemen einfacher machen, zum Beispiel Exchange und Sharepoint einfach verbinden oder Social Business vom Hype in den Rang einer nutzbaren Lösung heben.

Wie beurteilen Sie die ECM-Lösungen, die auf der CeBIT besonders im Bereich Cloud und Mobility von den Herstellern bereits angekündigt wurden und zu sehen sein werden?

Kampffmeyer: Es gibt nur drei Trends, eine Art neue Trinität, eine Troika, die alle anderen Trends hinter sich herzieht: Mobile, Cloud & Social. Sie sprechen die ersten zwei an: Cloud und Mobile. Bei Cloud wird sich einiges getan haben. Aber hier muss man die unterschiedlichen Angebote unterscheiden. Traditionelles ECM nur auf einer IaaS oder PaaS, herkömmliches für geschlossene Benutzergemeinschaften? Oder aber echte SaaS-Lösungen mit Mandanten-Fähigkeit, Abrechnungsmodellen, Schnittstellen in eine offene Welt, Konfigurations-Werkzeugen, vorgefertigten Easy-to-Use-Muster-Anwendungen und dies alles zum App-Preis von 9,99 €? Bei letzterem Szenario werden sich weniger die traditionellen ECM-Anbieter denn Newcomer wie Box, BOX.Net, Amazon und andere wiederfinden. Bei Mobile sind sicher wieder schöne neue Oberflächen für Smartphones und Tablets zu sehen. Vieles wird sich auf Apple-Produkte mit dem »i« konzentrieren und dabei die Tatsache ignorieren, dass es in der Apple-Server-Welt fast überhaupt keine ECM-Produkte gibt. Shiny User Interfaces führen bei Apple IOS unter Umständen ins Leere und so werden viele das »i-Gerät« nur zum Zugriff auf andere traditionelle Backbone-Systeme nutzen. Beim dritten Megatrend Social wird es dann noch einmal interessant, soll doch Social Business der legitime Nachfolger von ECM Enterprise Content Management sein. Ein wenig Einbindung von Dokumenten-Technologien und Archiven in Social-Community- oder Portal-Software macht noch kein Social Business aus. Hier werden durch neue, andere Anbieter die Maßstäbe gesetzt. Hier vollzieht sich der Wandel weg vom geschlossenen Dokument-Charakter hin zu Daten, die nur noch als Mash-Up-View eines Dokumentes zusammengebaut werden. Die Anforderungen aus dem Web und der Social-Bewegung lassen sich mit überkommenen ECM-Ansätzen kaum bedienen. ECM gilt in dieser Gemeinschaft heute bereits als veraltete Inhouse-Technologie – und da schließt sich wieder der Bogen zu Mobile und Cloud.

Worauf sollten die Besucher abgesehen von Cloud und Mobility noch schauen?

Kampffmeyer: Da gibt es viele Themen in den Randbereichen von ECM: Integrationslösungen für den E-Postbrief und De-Mail, Output-Management auch für kleine und mittlere Anwender, intelligente Formular-Lösungen jenseits des PDFs, Projektmanagement mit Dokumentenmanagement, Einbindung von Enterprise Search ergänzend zum Records Management, Migrationswerkzeuge, Kombination von Metadaten aus dem ECM mit Master-Data-Management-Systemen, Identity-Management mit Rollenzuordnung, usw. – die kleinen Highlights werden sich nicht unter der Überschrift »ECM« finden lassen und auch nicht in Halle 3, dem angeblichen Mekka der ECM-Branche, wo man zu BITKOM und VOI pilgern soll.

Welchen Vorteil bietet die CeBIT Ihrer Ansicht nach Besuchern, die sich für ECM-Technologie interessieren?

Kampffmeyer: Der Vorteil der CeBIT ist die Menge an Lösungen und Anbieter sowie die damit verbundene Vielfalt. Man darf sich nur nicht von den alten Schlagworten und Slogans leiten lassen, um in den angrenzenden, innovativeren Technologiefeldern zahlreiche neue Ansätze zu finden, die eigentlich alle ein vernünftiges ECM als Infrastruktur benötigen. Wenn man also nach den Trends der Zukunft Ausschau halten will, findet man genug: Ubiquitous Computing macht Information überall verfügbar und nutzbar, Sprachsteuerung löst die Tastatur ab, Bilderkennung schafft neue Identitäten und verfolgt uns überall, Social Networks speichern alles – auch unsere Dokumente. Und dort wird sich so auch wieder der Bogen schließen, denn als Infrastruktur wird ECM auch bei all diesen neuen Technologien ein Plätzchen haben.

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