27.07.2011 (eh) Drucken
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Im Interview: 1&1 Internet (web.de, GMX)

Der Trend zur zunehmenden Digitalisierung war schon immer eine Herausforderung in Postbearbeitungsabteilungen. Nun kommt eine neue hinzu: De-Mail und E-Postbrief wurden jüngst rechtlich verabschiedet, die ersten Anbieter werfen die Marketingmaschinerie dafür an.
ECMguide.de sprach mit Michael d'Aguiar, Pressesprecher bei 1&1 Internet für die Portale/Mailmarken web.de und GMX, über die neue E-Mail- bzw. Online-Briefgeneration und weitere Trends im Bereich Postbearbeitungslösungen.

Was bewegt den Markt für Postbearbeitungslösungen derzeit am meisten? Neuerungen bei klassischen Lösungen, oder der Hype rund um den kommenden elektronischen Briefverkehr wie De-Mail oder E-Postbrief?

Michael d'Aguiar

d'Aguiar: Wir können an dieser Stelle nur unsere Eindrücke wieder geben und glauben, dass sich Systemhersteller nach wie vor in erster Linie um die Optimierung ihrer herkömmlichen und »konventionellen« Systeme kümmern. Bevor man sich mit strategischen Fragen auseinandersetzt, wird zunächst an der Verbesserung der »klassischen Lösungen« gearbeitet. Dennoch rücken auch in dieser Branche die Neuerungen immer mehr in den Fokus von Entscheidern, werden Schwerpunkte der konkreten Entwicklungsarbeit neu gesetzt. Insofern sind wir guter Dinge, mit unseren Lösungen auch die großen Versender und Systemhersteller überzeugen zu können. Die Branche ist offen für neue Lösungen und sucht aktiv das Gespräch mit uns.

Glauben Sie, dass sich elektronischer Briefverkehr wie De-Mail oder E-Postbrief breitflächig durchsetzt? Immerhin muss sich ein potenzieller Kunde erst mal registrieren, was bei der normalen Papierpost nicht notwendig ist.

d'Aguiar: Wir konnten bereits beim sechsmonatigen De-Mail-Pilotbetrieb in Friedrichshafen sowie der Vorab-Registrierung großes Interesse seitens unserer Kunden wahrnehmen. Allein beim De-Mail-Pilotprojekt hatten sich zirka 2,5 Prozent der Bevölkerung aus dieser Region für das Verfahren registriert, identifiziert und das Pilotsystem aktiv genutzt. Wir glauben, dass sich der elektronische Briefverkehr bei Privat- wie auch bei Geschäftskunden mittelfristig durchsetzen wird. Mit De-Mail kann die bislang papierbasierte Kommunikation durchweg elektronisch – ohne Medienbrüche – rechtsverbindlich, weltweit und rund um die Uhr abgewickelt werden. Schon heute finden es übrigens mehr als zwei Drittel aller Nutzer richtig und wichtig, dass vertrauensvolle Mails entsprechend in den digitalen Postfächern angezeigt werden (UID Nutzerbefragung, März 2011). Aus diesem Grund bieten wir beispielsweise mit »trustedDialog« eine entsprechend vertrauensvolle E-Mail-Kommunikation eingeführt.

Wird nicht die elektronische Signatur durch De-Mail überflüssig? Eigentlich besteht keine Notwendigkeit mehr für eine elektronische Signatur.

d'Aguiar: Es ist richtig, dass sich die Fälle, in denen eine qualifizierte elektronische Signatur Sinn ergeben würde, nach der Einführung der De-Mail reduzieren werden. De-Mail liefert hierfür bereits das nötige Format. Außerdem wird De-Mail auch die Verwaltungsprozesse nach einer flächendeckenden Einführung noch weiter vereinfachen. Dennoch wird die qualifizierte elektronische Signatur weiterhin benötigt, gerade wenn es um die Einhaltung von gesetzlichen Formvorschriften oder der Beweisbarkeit (Integrität) von elektronischen Nachrichten oder Dokumenten geht. De-Mail sorgt daneben, dank speziell verschlüsselter Transportwege, zweifelsfrei identifizierter Kommunikationspartner sowie nachweisbarer Transaktionen für den rechtsverbindlich sicheren Versandweg. Somit ergänzen sich De-Mail und qualifizierte elektronische Signatur und führen gemeinsam zu einer vollumfänglichen rechtsverbindlichen elektronischen Kommunikation.

Für welche Anwendergruppe ist De-Mail am interessantesten? Doch wohl eher für Unternehmen und Behörden, der normale Bürger dürfte eher selten davon profitieren.

d'Aguiar: Unsere Kunden streben verstärkt zum rechnergestützten Arbeiten. Dies zeigt beispielsweise auch der Erfolg von Online-Banking. Einen Brief, der digital erstellt wurde und schließlich noch ausgedruckt, kuvertiert, frankiert und versendet werden muss, stellt einen Medienbruch mit hohem Zeitaufwand dar. Wenn Privatpersonen, Unternehmen und Behörden sämtliche zur Zeit noch Brief gestützte Kommunikation ohne Unterbrechung direkt am Rechner vornehmen können und es möglich sein wird, Rechtsgeschäfte mit einem sehr hohen Maß an zertifizierter Sicherheit direkt über das Internet abzuwickeln, dann wird das System schnell erfolgreich sein. Dafür ist es nötig, unseren Kunden eine bekannte Umgebung und gewohnte Strukturen zur Verfügung zu stellen. Kurz: Lösungen, die bequem und intuitiv zu handhaben sind.

Geht es also der normalen Briefpost an den Kragen, oder nicht?

d'Aguiar: Bereits heute ist das Geschäft mit der herkömmlichen Briefpost, dank E-Mail, SMS, elektronischen sozialen Netzwerken und anderen elektronischen Kommunikationsmitteln, extrem rückläufig. Dies räumt selbst die Post ein, und hat aus diesem Grund damit begonnen, ihre Kundschaft mit viel Marketingaufwand in die digitale Welt zu überführen. In spätestens zehn Jahren wird die digitale Kommunikation für viele das sein, was heute noch für die meisten von uns der konventionelle Brief darstellt. Im Kommunikationsmix hat der papiergebundene Brief aber auch langfristig seine Daseinsberechtigung und Vorteile, und ist daher nicht aus dem Alltag wegzudenken. Seine Vormachtstellung wird er aber wohl verlieren.

Es wird wohl auf hybride Postsysteme hinauslaufen. Heißt: Am PC einen Brief schreiben und ihn auf Knopfdruck an eine zentrale Stelle senden, die sich dann um Druck und Versand kümmert. Könnte dies die Lösung bei modernen Postbearbeitungslösungen sein?

d'Aguiar: Mit den Marken GMX und web.de bieten wir seit über einem Jahr bereits eine Hybridlösung für Privatkunden an. Der Hybridbrief wird sich jedoch als Zwischenlösung nicht langfristig am Markt etablieren, sondern stellt unserer Ansicht nach einen Zwischenschritt zur volldigitalen elektronischen Kommunikation, via De-Mail, dar.

Werfen wir jetzt einen Blick auf Rechnungseingangslösungen. Hier soll es erhebliche Einsparpotenziale geben. Wie weit haben sich solche Lösungen schon durchgesetzt?

d'Aguiar: Es gibt spezifische Branchen aus den Bereichen Handel, Bank, aber auch in der Autoindustrie, wo sich derartige Lösungen bereits weit durchgesetzt haben. Kleine und mittelständisch Unternehmen werden mit dem Erfolg von De-Mail die Akzeptanz schell auch in ihren eigenen Systemen abbilden und die Vorteile gegenüber dem klassischen Brief nutzen wollen. Alleine schon bei der Archivierung können digitale Lösungen Zeit, Geld und Ressourcen sparen. Des Weiteren kann zukünftig der elektronische rechtsverbindliche Rechnungsversand mittels De-Mail bewerkstelligt werden, da hierfür die qualifizierte elektronische Signatur nicht mehr benötigt wird. De-Mail erfüllt die geforderten Voraussetzungen, auch hinsichtlich der Vorsteuerabzugsfähigkeit.

Noch vor etlichen Jahren gab es rund um Transpromo fast einen Hype. Wir haben den Eindruck, es ist etwas abgeflaut. Ist unser Eindruck zu oberflächlich, oder setzen sich Transpromo-Mailings bzw. -Lösungen doch durch?

d'Aguiar: Wir glauben, dass derartige Werkzeuge in der Vergangenheit völlig überschätzt wurden. Große Geschäfte waren hier kaum zu erwarten. Aus diesem Grund haben viele Unternehmen diese Art der Eigenwerbung in jüngster Zeit eingestellt. Im digitalen Bereich kann dieses Thema jedoch schnell wieder an Relevanz hinzugewinnen, da der Link zu den eigenen Lösungen oder Angeboten schneller, effektiver und messbarer hergestellt werden kann.

Wagen Sie einen Ausblick, sagen wir zwei bis drei Jahre. Auf welche Trends sollen sich unsere Leser im Postbearbeitungs-Segment dann einstellen?

d'Aguiar: Der Output wird bis zu diesem Zeitpunkt über verschiedene Kanäle gesteuert werden. Es wird ein Nebeneinander von Druck oder Druckmaschinen sowie elektronischen Lösungen geben. Unternehmen müssen sich daher jetzt schon überlegen, wie sie derartige Systeme implementieren und wie diese zu bedienen sind. Die Zahl der De-Mail-Kunden wird stetig wachsen und große Versender entscheiden sich für »Least-Cost-Routing«-Modelle, während kleine und mittelständische Unternehmen auf kostengünstige Lösungen bauen. Die Postbearbeitung wird durch die Geschwindigkeiten der digitalen Kommunikationskanäle noch flexibler, dynamischer und effizienter werden, und durch hochindividuelle Kleinstauflagen Print-On-Demand Modelle anbieten, um mit den Stärken digitaler Kommunikation mithalten zu können. »Online + Mobil« wird ebenfalls »Papier + Online« als hybrides Kommunikationsmodell ablösen.

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