19.03.2019 (as)
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Enterprise World Europe: Interview mit Muhi Majzoub, Opentext

Auf der letzte Woche erstmals veranstalteten »Enterprise World Europe« von Opentext sprach ECMguide.de mit Muhi Majzoub, Executive Vice President, Engineering, über die Cloud-Strategie und die Zusammenarbeit mit Google. Außerdem ging Majzoub auf Produktneuheiten und geplante Änderungen beim Capture-Produkt Captiva ein.

Mit Google ist Opentext vor wenigen Monaten eine Partnerschaft für Lösungen in der »Google Cloud« eingegangen. Zu welchem Zweck wurde diese Partnerschaft geschlossen?

Muhi Majzoub, Opentext, Executive Vice President, Engineering (Bild: A.Stadler)Muhi Majzoub, Opentext, Executive Vice President, Engineering (Bild: A.Stadler)Majzoub: Sowohl Google als auch OpenText möchten von dieser Partnerschaft profitieren, wozu ich einige Beispiele nennen kann. So wollen wir in Zukunft unsere »Content Suite«, »Documentum« und alle unsere Lösungen in die Google »G Suite« für Unternehmensanwendungen und Google Applikationen integrieren. Bislang verfügt die G Suite über keine Lösung für Dokumenten- und Enterprise Information Management. Zudem planen wir beispielsweise Übersetzungsmöglichkeiten von Google in unseren Programmen zu nutzen. Wir wollen auf möglichst vielen Ebenen von Google profitieren, so dass unsere Produkte unseren Kunden Mehrwerte liefern.

Wollen Sie so auch neue Kundengruppen ansprechen?

Majzoub: Ich hoffe, dass wir das werden.

Welche Rolle spielt im Zusammenhang mit der Google Cloud die Opentext Cloud Lösung »Core«?

Majzoub: Über Core, das wir stetig verbessern, sollen Kunden ihr Dokumentenmanagement mit Vertragspartnern und Drittanbietern, mit denen sie zusammen arbeiten, in der Cloud verbessern. Wir können Core in fast alle Google-Applikationen sinnvoll integrieren. Lassen Sie uns die Übersetzungsmöglichkeiten betrachten: Bei klinischen Studien im Life-Sciences-Bereich wie von Merck oder Bayer sind Übersetzungen sehr wichtig. Wenn die Pharmahersteller ein neues Mittel in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien für die Einführung testen, antworten Testpersonen in unterschiedlichen Sprachen. Die Antworten lassen sich dann sowohl im Original als auch in der vom Unternehmen verwendeten Sprache in unseren Produkten zuverlässig aufbewahren.

Wann werden die Lösungen verfügbar sein?

Majzoub: Wir haben noch keine Termine für diese Produkte bekannt gegeben. Die Partnerschaft mit Google wurde erst vor dreieinhalb Monaten öffentlich gemacht. Daher arbeiten wir noch an Zeitplänen, Details und Prioritäten, die wir nach den Anforderungen unserer Kunden richten.

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Cloud-Strategie von Opentext 16 und OT2

Wie sehen die Cloud-Bemühungen bei ihrem Flaggschiffprodukt der Enterprise Information Management Suite »OpenText 16« aus? Es wurde ja beispielsweise bekannt gegeben, dass Opentext 16 ab 2.000 Nutzern für 99 Dollar zur Verfügung stehen soll.

Majzoub: Das ist korrekt. Zu diesem Zwecke machten wir die Zertifizierung für »Microsoft Azure«, »Amazon Web Services (AWS)« und Google Cloud. Unser Produkt kann hier heute schon laufen und wird über unsere Vertriebsmitarbeiter oder beispielsweise direkt über Microsoft angeboten. Es gibt bereits Kunden, die entsprechend diesem Angebot Lösungen von uns gekauft haben und sie in den Cloud-Umgebungen betreiben. Generell haben viele Kunden ihre Software in Azure oder AWS laufen. Wenn diese dann Lösungen von uns kaufen, stellen sie sie ebenfalls in die entsprechende Cloud ein.

Ist das dann eine Public- oder Private-Cloud-Lösung

Majzoub: Ich würde es eine Private-Cloud-Lösung nennen, weil Release 16 keine native SaaS-Applikation ist. Es kann nicht in der gleichen Cloud-Infrastruktur multimandantenfähig sein und unter verschiedenen Anwendern geteilt werden. Release 16 ist ein Ein-Mandaten-Modell, das off-cloud im Datencenter der Kunden und als Cloud-Lösung in Google, AWS und Azure sowie natürlich in der Opentext-Cloud als gemanagter Service laufen kann.

Planen Sie auch noch ein SaaS-Modell anzubieten?

Majzoub: »OT2« ist unser SaaS-Modell. Über die Komponente Core bieten wir hier alle grundlegenden Dokumentenmanagement-Funktionen inklusive Rechtevergabe, Metadaten-Verwaltung und Workflows. Hinzu kommen die Fähigkeiten, Applikationen zu entwickeln und die Lösung auszubauen. Wir bauen Visual Asset Management für Core. Wir liefern neue Life-Sciences-Anwendungen. Mit der Zeit wird Core alle Fähigkeiten besitzen, die in den Off-Cloud-Produkten zu finden sind. Die Vision von Core und OT2 ist, dass Core den Screen bildet und OT2 die benötigten Services für das native SaaS-Modell bieten.

Welche SaaS-Services sind verfügbar? Zunächst war nur eine Life-Sciences-Anwendung allgemein verfügbar.

Majzoub: Aktuell stellen wir für das Personalmanagement »Core for Success Factors« als native SaaS-Applikation unter OT2 in der Cloud vor. Die Qualitätsmanagementlösung »Core for Quality Management« ist auch eine neue Applikation, die ab Anfang April verfügbar sein wird, ebenso wie »Core for Legal«. Außerdem geben wir hier eine Vorschau auf »Core for Privacy« – eine GDPR-Applikation, die ab Juli verfügbar sein soll und Compliance-Aufgaben abdeckt. Wir sind gerade dabei, diese für Opentext selbst auszurollen, da wir für alle unsere EMEA-Kunden auch GDPR-compliant sein müssen.

Welchen Kundenkreis sprechen sie mit Core an?

Majzoub: Jedes Unternehmen kann Core nutzen. Heute nutzen es bereits Versicherungsunternehmen und Energieversorger, aber auch Start-ups aus dem Technologieumfeld. Außerdem verhandeln wir gerade mit einer großen deutschen Bank.

Wie sieht das Preismodell für Core und OT2 aus?

Majzoub: Das ist in vier unterschiedliche Kategorien unterteilt, das von einem kostenfreien Angebot mit 2 GB Speicherplatz über ein Team-Angebot bis zu 20 Nutzern für fünf Dollar im Monat, ein Business-Angebot bis 25 Nutzern und unlimitiertem Speicherplatz, bei dem die Größe einzelner Dateien beschränkt ist, bis zu einer Enterprise-Version reicht, die in allen Beziehungen unlimitiert ist, so dass beispielsweise auch Dateien für 3D-Anwendungen gespeichert werden können.

Bislang verstand ich die OT2-Lösung eher als Entwicklungsplattform.

Majzoub: OT2 und Core bieten vieles mehr. So bietet es die Möglichkeit, Applikationen, Übersichten und Metadatenmodelle für Banken-, Versicherungsanwendungen sowie juristischen Zwecken zu entwickeln. Alle sechs bis acht Wochen bringen wir neue Funktionen in Core ein, weil Kunden danach fragen, wenn sie beispielsweise mehr User auf die Lösung schalten wollen.

Wie schwierig ist es, eigene Applikationen zu entwickeln?

Majzoub: Das ist sehr einfach. So kann man in drei Minuten eine einfache Case-Management-Applikation per Drag and Drop bauen. Dabei sind keine Programmierkenntnisse notwendig. Ein Business Analyst im IT-Bereich kann dies einfach erledigen, ohne eine Zeile Java-Code zu schreiben.

Weitere Produktneuheiten und Pläne nach Akquisitionen

Welche konkreten Produktneuheiten bieten Sie außerdem gerade?

Majzoub: Es gibt eine neue Benutzeroberfläche und eine neue mobile Lösung für Documentum sowie neues Records Management. Außerdem haben wir neue Produkte in unsere KI- und Analytics-Plattform »Magellan« integriert, darunter Records Management und Media Management mit dem Experience Center.

Gibt es Absichten die Erfassungslösungen »OpenText Capture Center« und »Captiva« in einem Produkt zusammen zu führen?

Majzoub: Wir wollen die Produkte integrieren aber nicht konsolidieren. Beide Produkte basieren auf verschiedenen Technologieplattformen. Wir wollen sie auf beiden Seiten mit Services und Restful APIs anreichern, damit man von einem Produkt Funktionen des anderen Produkts aufrufen kann. Aber es werden immer zwei verschiedene Produkte bleiben. Kunden, die diese Lösungen nutzen haben Algorithmen und Lösungen für maschinelles Lernen entwickelt, die wir ihnen nicht wegnehmen können.

Was ist dann unter »Opentext Capture« zu verstehen, das im Zusammenhang mit Capture-Neuheiten von Opentext genannt wurde?

Majzoub: Über Opentext Capture werden wir beide Lösungen zusammen bringen, aber dies ist keine neue Plattform, die die anderen beiden Lösungen ersetzt.

Wie wollen Sie die e-Discovery-Lösungen von Recommind mit dem Ende Januar akquirierten Unternehmen Catalyst verbinden?

Majzoub: Catalyst liefert uns einen sehr wichtiges Tool für Multi-Matter-Management. Damit ist es möglich, Dokumente, die für verschiedene Fälle relevant sind, nur einmal zu speichern. Dies vereinfacht die Verwaltung und spart Speicherkosten. Wir planen diese Funktionalität in die Accelerate Recovery Lösung von Recommind einzubauen.

Wie viele Kunden hat Catalyst?

Majzoub: Knapp 1.000 weltweit.

Und wie viele Kunden bringt Liaison Technologies mit, das vor Catalyst im Dezember akquiriert wurde?

Majzoub: Etwa 320 bis 340 - viele davon in Europa, aber auch große Kunden in den USA.

Wie profitieren ihre Kunden von dieser Akquisition?

Majzoub: Liaison wird auf zwei Arten in unser Business Network integriert. Zum einen bringen wir die Anything-to-Anything- und Application-to-Application-Fähigkeit in unser Trading Grid. Dies erlaubt uns ein Mapping zwischen Business Systemen. Zum anderen hat Liaison ein Produkt namens »Lens«, was ein Analyse-Modul für den Supply Chain Content darstellt. Lens soll auf Magellan laufen und dann in unser Trading Grid integriert werden, wo wir knapp 60.000 Kunden haben.