17.11.2020 (as)
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Bitkom und ZEW zum Digitalisierungsschub durch Corona

  • Inhalt dieses Artikels
  • Selbstkritischer Blick von Unternehmern auf Digitalisierung
  • Maßnahmen zur Digitalisierung
  • Gefahr für mehr Spaltung in der Wirtschaft

Wie stark die Corona-Pandemie für einen Digitalisierungsschub bei deutschen Unternehmen sorgt, untersuchten im September parallel der IT-Branchenverband Bitkom und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Gut ist, dass alle Unternehmen die Digitalisierung vorantreiben wollen, schlecht, dass nicht alle dazu in der Lage sind.

Corona begünstigt die Digitalisierung in unterschiedlichen Bereichen (Bild: ZEW)Corona begünstigt die Digitalisierung in unterschiedlichen Bereichen (Bild: ZEW)Verstärktes Arbeiten im Homeoffice, mehr Videokonferenzen, mehr digitalisierte Prozesse: Dass die Corona-Pandemie die Digitalisierung in deutschen Unternehmen vorantreibt, ist in vielen Bereichen spürbar. Wie deutlich dies geschieht, fanden sowohl der IT-Branchenverband Bitkom als auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bei repräsentativen Befragungen unter 605 Unternehmen (Bitkom) mit 20 oder mehr Mitarbeitern aller Branchen beziehungsweise 1.400 Unternehmen (ZEW) genauer heraus.

Laut ZEW berichten im unternehmensnahen Dienstleistungsbereich etwa 40 Prozent und im verarbeitenden Gewerbe etwa 25 Prozent der Unternehmen von einem Digitalisierungsschub. Zumeist sei der Schub auf die Verlagerung des Arbeitsplatzes in das Homeoffice zurückzuführen. Doch »nicht nur bei der Arbeit der Beschäftigten sind die Unternehmen seit Krisenbeginn digitaler geworden, sondern häufig auch bei der Angebotspalette und den Geschäftsprozessen«, so Dr. Daniel Erdsiek, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich Digitale Ökonomie. Den Digitalisierungsgrad der Geschäftsprozesse haben etwa 30 Prozent der Unternehmen in der Informationswirtschaft und 20 Prozent im verarbeitenden Gewerbe erhöht. Fortschritte bei der Digitalisierung des eigenen Angebots konnten jeweils etwa 15 Prozent der Unternehmen erzielen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die Ausgangslage zwischen den Branchen klar unterscheidet: So waren Unternehmen in der Informationswirtschaft, welche die IKT-Branche, Mediendienstleister und wissensintensive Dienstleister umfasst, bereits vor der Krise deutlich digitaler aufgestellt als Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe.

Selbstkritischer Blick von Unternehmern auf Digitalisierung

Laut Bitkom hat die verstärkte Beschäftigung mit der Digitalisierung im Zuge der Corona-Pandemie dazu geführt, dass deren Stand im eigenen Unternehmen deutlich kritischer als zuvor eingeschätzt wird. So sieht sich nur noch rund jeder Vierte (27 Prozent) als Vorreiter bei der Digitalisierung. Im April lag der Wert noch bei 36 Prozent, 2019 sogar bei 39 Prozent. Umgekehrt räumen aktuell 71 Prozent ein, zu den Nachzüglern zu gehören – verglichen mit 60 Prozent im April und 55 Prozent vor einem Jahr. Gefragt nach einer Bewertung des Digitalisierungs-Standes auf einer Schulnoten-Skala geben die Manager ihrem Unternehmen gerade einmal ein »befriedigend« (3,4).

Aus Bitkom-Sicht ist ermutigend, dass Corona die Digitalisierung in den Unternehmen voranbringen wird. Konkret ergreifen die Unternehmen in drei Bereichen Digitalisierungsmaßnahmen aufgrund der Corona-Pandemie: Bei der Technologie, bei Geschäftsprozessen und bei den Mitarbeitern. 75 Prozent haben neue Software angeschafft oder planen dies, 70 Prozent haben Hardware wie Laptops oder Smartphones gekauft oder haben dies vor und 58 Prozent haben eine digitale Infrastruktur wie VPN-Zugänge oder ein Intranet aufgebaut oder planen dies. Ziel dieser Investitionen ist es, die Prozesse im Unternehmen zu digitalisieren.

Maßnahmen zur Digitalisierung

Corona sorgt für höheres Bewusstsein zur Digitalisierung (Bild: Bitkom)Corona sorgt für höheres Bewusstsein zur Digitalisierung (Bild: Bitkom)81 Prozent der Unternehmen nutzen seit der Corona-Pandemie Videokonferenzen statt persönlicher Treffen oder planen dies, 79 Prozent digitale Kollaborationstools. Jeweils 63 Prozent setzen auf digitale Dokumente statt Papier und digitale Signaturen. 38 Prozent nahmen Beratungsleistungen zur Digitalisierung in Anspruch. Mit Blick auf die Mitarbeiter haben 70 Prozent Homeoffice eingeführt oder haben das noch vor, 43 Prozent geben dies für digitale Weiterbildung an, 35 Prozent für die Digitalisierung des Recruitings von neuen Mitarbeitern und 23 Prozent veranstalten oder planen digitale Mitarbeiterevents. 9 Prozent haben darüber hinaus Digitalisierungsexperten eingestellt oder wollen dies tun. »Alle befragten Unternehmen haben irgendetwas unternommen, um selbst digitaler zu werden«, so Bitkom-Präsident Achim Berg. »Erfolg entsteht aus einer Kombination von der Einführung neuer Technologien, der Digitalisierung der eigenen Prozesse und insbesondere der Qualifizierung der Mitarbeiter.«

Sowohl das ZEW als auch der Bitkom kommen zu dem Ergebnis, dass größere Unternehmen häufiger digitale Fortschritte erzielen als kleinere. Unabhängig von der Ausrichtung gestaltet laut ZEW etwa jedes zweite Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten die Arbeit nun digitaler. Geringer ist dieser Anteil bei Unternehmen mit 20 bis 100 Beschäftigten (47 und 30 Prozent) und bei Unternehmen mit 5 bis 19 Beschäftigten (32 und 13 Prozent). Auch bei der Angebotspalette und den Geschäftsprozessen finden digitale Veränderungen etwas häufiger in größeren Unternehmen statt.

Gefahr für mehr Spaltung in der Wirtschaft

Berg zufolge besteht die Gefahr, »dass der Digitalisierungsschub durch Corona zu einer noch tieferen Spaltung in der deutschen Wirtschaft führt: In Unternehmen, die weitgehend im Analogen verharren, und in Unternehmen, die bei der Digitalisierung mit Tempo vorangehen.«

Die Unternehmen, die ihre Investitionen in Digitalisierung seit Beginn der Corona-Pandemie zurückfahren mussten, haben dafür eine Vielzahl von Gründen. Ganz oben stehen fehlende finanzielle Mittel durch die Folgen der Corona-Pandemie (66 Prozent). Ähnlich viele geben an, dass wegen des ersten Lockdowns Projekte verschoben oder andere Prioritäten gesetzt werden mussten, weil die Existenz des Unternehmens gefährdet war (je 59 Prozent). Ebenfalls eine Mehrheit beklagt fehlende fachliche Expertise (54 Prozent) und fehlende Zeit für Digitalisierungs-Maßnahmen in der Pandemie (52 Prozent). Jeder Zweite (50 Prozent) hatte nicht die personellen Ressourcen für Digitalisierung in der Krise.