So digital ist das Handwerk
Über eine repräsentative Studie ermittelt der Branchenverband Bitkom den Digitalisierungsgrad des Handwerks. Die Studie zeigt, wo die Digitalisierung bereits Mehrwerte bietet und was noch Probleme bereitet.
IT-Sicherheit bereitet Kopfschmerzen
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Laut der vom Bitkom beauftragten Studie stellen Digitalisierung (62 Prozent) und IT-Sicherheit (60 Prozent) bei jeweils sechs von zehn Handwerksbetrieben eine Herausforderung für das eigene Unternehmen dar. Mit Blick auf die Hemmnisse der Digitalisierung in der Handwerksbranche im Allgemeinen nennen fast alle Betriebe Bedenken hinsichtlich IT- und Datensicherheit sowie Datenschutz (96 Prozent). Sieben von zehn sehen die Digitalisierung durch hohe Investitionskosten gebremst (69 Prozent). Etwa sechs von zehn geben außerdem an, dass ihr eine mangelnde Praxisreife der Technologien im Weg stünde (57 Prozent). Auch die mangelnde Digitalisierung von Behörden und Verwaltung identifizieren knapp zwei Drittel der Handwerksunternehmen als Hürde für die Digitalisierung der Branche (63 Prozent).
Wo noch Digitalisierungshürden bestehen
Auf den zweiten Blick fällt allerdings auf, dass sich betriebsintern ebenso Hindernisse finden: sechs von zehn Betrieben sehen eine mangelnde Digitalkompetenz der Mitarbeitenden (58 Prozent), die Hälfte klagt über eine unzureichende Internetversorgung (49 Prozent). »Über 99 Prozent der deutschen Haushalte sind mit 5G versorgt, seit Mitte 2025 steht jedem zweiten Haushalt ein Glasfaseranschluss zur Verfügung, und der Ausbau soll bis 2030 abgeschlossen sein – die Netzanbindung darf für eine stockende Digitalisierung kein Grund mehr sein«, sagt Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bitkom. Je vier von zehn Handwerksunternehmen benennen einen mangelnden Zugang zu Daten (43 Prozent) und Berührungsängste gegenüber digitalen Technologien (42 Prozent) als hinderliche Faktoren. An einer fehlenden Nachfrage nach digitalen Angeboten scheitert die Digitalisierung des Handwerks aber nicht: Lediglich zwei von zehn Unternehmen beobachten ein mangelndes Interesse an digitalen Lösungen auf Kundenseite (23 Prozent).
Note 3 in der Selbsteinschätzung
Ein Drittel der Handwerksbetriebe ist der Ansicht, dass die Digitalisierung die Existenz ihres Unternehmens sichert (32 Prozent). Dennoch geben sich die Unternehmen für die Digitalisierung im Allgemeinen lediglich die Durchschnittsnote 3 – etwa jeder zehnte Betrieb schätzt die Digitalisierung des eigenen Unternehmens sogar als mangelhaft oder ungenügend ein (9 Prozent). Trotzdem sehen 9 von 10 Handwerksbetrieben die Digitalisierung als Chance für ihr Unternehmen (89 Prozent), die wenigsten erkennen in ihr ein Risiko (6 Prozent). Denn die Digitalisierung verspricht in den Augen der Handwerksunternehmen große Mehrwerte: Insbesondere für eine flexiblere Arbeitsorganisation sei sie von Vorteil, sagen 8 von 10 Handwerksbetrieben (80 Prozent), jeweils drei Viertel sehen außerdem positive Effekte mit Blick auf eine mögliche Zeitersparnis (76 Prozent) sowie eine erhöhte Sichtbarkeit gegenüber der Kundschaft (75 Prozent). Auch zur Sicherung eines Qualitätsstandards (73 Prozent), zu optimierter Lagerung und Logistik (64 Prozent) sowie höherer Arbeitsplatzattraktivität (58 Prozent) und körperlicher Entlastung (51 Prozent) kann die Digitalisierung im Handwerk beitragen.
Digitale Services nehmen im Handwerk zu
Die Potenziale der Digitalisierung schlagen sich inzwischen auch in den Leistungen des deutschen Handwerks nieder: Denn immerhin 85 Prozent bieten mindestens einen digitalen Service an. Darunter fallen beispielsweise der digitale Angebots- (68 Prozent) oder Rechnungsversand (62 Prozent), aber auch die Online-Terminbuchung (48 Prozent), die Online-Beratung (35 Prozent) oder die Möglichkeit der Bezahlung über einen Online-Zahlungsdienstleister (27 Prozent).
Die digitale Kommunikation ist ebenfalls in allen Handwerksunternehmen angekommen: In jedem Betrieb werden E-Mails und Smartphones zur Kommunikation genutzt (je 100 Prozent), aber auch Messenger-Dienste (62 Prozent), klassische Kurznachrichten-Dienste (46 Prozent) und Apps (45 Prozent) sind weit verbreitet. Digitale Kommunikation beispielsweise per Online-Meetings (36 Prozent), über Kunden- oder Mitarbeiterportale (28 Prozent) und per Textchat in Kollaborationstools wie Slack oder Teams (28 Prozent) finden in deutschen Handwerksbetrieben ebenfalls Anklang. Klassische Kommunikationskanäle gehören allerdings noch nicht der Vergangenheit an: Jeder Betrieb nutzt das Festnetztelefon (100 Prozent), drei Viertel machen noch Gebrauch von der Briefpost (77 Prozent) und ein Viertel setzt für die Kommunikation nach wie vor auf das Fax (26 Prozent).
Mangelnde Ressourcen für Digitalisierung
Fehlende Kapazitäten sind ein weiterer wesentlicher Grund für die verhaltene Digitalisierung des deutschen Handwerks: Knapp drei Viertel der Handwerksbetriebe haben nach eigenen Angaben schlichtweg zu viel zu tun, um sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen (72 Prozent). Jeweils über die Hälfte macht sich allerdings auch Sorgen, dass die Digitalisierung zur ständigen Überwachung im Handwerk führen wird (56 Prozent) oder dass sie das Geschäft unwirtschaftlich macht, weil nichts mehr unter der Hand geht (55 Prozent). Sechs von zehn sind schlicht der Ansicht, digitale Anwendungen würden sich nur für größere Handwerksunternehmen lohnen (59 Prozent).
Kritischer Blick auf KI
Eine digitale Technologie, deren Möglichkeiten im Handwerk bisher besonders wenig ausgeschöpft werden, ist die Künstliche Intelligenz: Sie wird derzeit erst in vier Prozent der deutschen Handwerksbetriebe eingesetzt, und lediglich jeder zehnte befindet sich dahingehend in Planungen (9 Prozent). Jeweils ein Drittel gibt an, dass die Technologie Geschäftsmodelle im Handwerk vollständig verändern wird (33 Prozent) und dass KI bei frühzeitigem Einsatz einen Wettbewerbsvorteil für Handwerksunternehmen bedeutet (35 Prozent).
Die Hälfte der Handwerksbetriebe macht sich allerdings auch Sorgen, dass künstliche Intelligenz und Software bald vorgeben, wie Handwerkerinnen und Handwerker arbeiten müssen (52 Prozent). Ein großes Problem bei der Nutzung von KI liegt in den Kompetenzen der Beschäftigten: Nur drei von zehn Unternehmen verfügen über Mitarbeitende, die mit KI umgehen können (29 Prozent). »Der Fachkräftemangel ist das drängendste Problem im deutschen Handwerk. Künstliche Intelligenz kann helfen, die so entstehenden Engpässe abzufedern«, so Rohleder. »Jeder Handwerksbetrieb sollte sich mit KI beschäftigen.«
Cloud-Anwendungen sind beliebt
Andere digitale Technologien erfreuen sich im Vergleich dazu größerer Beliebtheit – allen voran Cloud-Anwendungen, die im Handwerk bereits von über der Hälfte der Betriebe genutzt werden (56 Prozent). Mit etwas Abstand folgen Tracking-Systeme (20 Prozent), Anwendungen zur vorausschauenden Wartung (17 Prozent) und smarte Software zur Organisation der Arbeits- und Geschäftsprozesse (17 Prozent), die jeweils bei etwa einem Fünftel der Unternehmen zum Einsatz kommen. Seltener wird Gebrauch von 3D-Technologien (12 Prozent), dem Internet of Things (11 Prozent), Drohnen (10 Prozent) oder Robotern (7 Prozent) gemacht. In vielen Fällen liegt die Zögerlichkeit beim Einsatz digitaler Anwendungen an einem mangelnden Überblick: sechs von zehn Handwerksbetrieben wissen nach eigenen Angaben nicht, welche Technologien und Einsatzmöglichkeiten es überhaupt gibt (58 Prozent).
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