29.11.2018 (as)
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Kommentar zum Aus der Cebit

  • Inhalt dieses Artikels
  • Neugestaltung unter Ausschluss des IT-Mittelstands
  • Viele Unternehmen scheuen Wettbewerb

Annette Stadler, Chefredakteurin ECMguide.de (Bild: ECMguide.de)Annette Stadler, Chefredakteurin ECMguide.de (Bild: ECMguide.de)Als ich in diesem Sommer - wie ich nun weiß das letzte Mal – auf der Cebit war, hatte ich mich wie üblich in einem Privatquartier eingebucht. Die Vermieter, die nichts mit der IT-Branche am Hut haben, sagten mir aus ihrem Bauch heraus, dass dies die letzte Cebit sein wird. Ich musste etwas schmunzeln und habe es unter anderem aufgrund des Aufwands, der hinter der Umgestaltung der neuen Cebit steckte, nicht geglaubt.

Nun ist es aber tatsächlich so und ich sage ehrlich leider, obwohl es schon seit Jahren mit Aussteller- und Besucherzahlen bergab ging. Die Deutsche Messe hat in diesem Jahr viel unternommen und auf´s Spiel gesetzt, um das Ruder noch einmal herum zu reißen, doch ohne Erfolg.

Neugestaltung unter Ausschluss des IT-Mittelstands

Prinzipiell war es gut, den Besuchern mehr Entertainment zu bieten und ein lockereres Ambiente zu schaffen. Allerdings wurde der Show-Charakter etwas zu sehr in den Vordergrund gestellt, so dass sich viele Stammaussteller mit ihrem Hauptanliegen, Geschäfte anzubahnen, nicht mehr gut aufgehoben fühlten. Hauptzielgruppe der Anbieter aus dem Kernbereich Business-IT sind nun einmal eher reifere Abteilungs- und Unternehmensverantwortliche ab Mitte/Ende 30 und nicht Berufseinsteiger mit Anfang 20, die mit dem neuen Konzept extrem umgarnt wurden. Die Stimmen der IT-Anbieter aus dem Mittelstand hätten mehr gehört werden müssen - nur mit den Branchenriesen zu planen, war nicht der richtige Weg.

Doch nur dem Veranstalter die Schuld zu geben, ist meiner Meinung nach ebenfalls nicht ganz fair. Viele Aussteller waren in den vergangenen Jahren auch nicht gerade um Attraktivität bemüht. Das Marketing im Vorfeld war sehr dürftig, die Messestände oftmals wenig originell. Am schlimmsten fand ich aber die mangelnde fachliche Kompetenz. Wenn ein Unternehmen schon viel Geld in die Hand nimmt und einen Messeauftritt stemmt, muss es dem Messebesucher doch auch wirklich nützliche Informationen bieten und auf die Anliegen von Kunden und Interessenten eingehen können. Mit dem Verteilen von Prospekten, dem Schreiben von Leads und dem Vertrösten auf eine Kontaktaufnahme irgendwann in nächster Zeit ist es wirklich nicht getan! Dann braucht man die Messe, wie aktuell in Zeiten des Internets viele meinen, tatsächlich nicht mehr.

Aber wenn ich mir ansehe, was Unternehmen auf ihrer Webseite und anderen Online-Kanälen verbreiten, sind die Informationen dort doch sehr dürftig, häufig wenig aktuell und kaum vergleichbar. Trotz Chat-Funktionen und ähnlichem ist ein Online-Dialog falls überhaupt möglich auch nur wenig erhellend.

Viele Unternehmen scheuen Wettbewerb

Eine Messe wäre dagegen schon eine Plattform, die einem Besucher die Möglichkeiten geben sollte, gezielt Fachauskünfte bei verschiedenen Herstellern einzuholen, auf individuelle Fragestellungen zumindest ansatzweise einzugehen und zu vergleichen. Man könnte sich einen ersten Eindruck vom Unternehmen verschaffen, ohne es direkt besuchen zu müssen und sich mit verschiedenen Vertretern von der Geschäftsführung über Vertrieb, Technik und Marketing austauschen. Darüber hinaus wäre es hilfreich, wenn ich mich als Besucher herstellerübergreifend bei Verbänden oder anderen Institutionen zu aktuellen Themen informieren könnte. Im Idealfall kann dies gerne in einem netten Ambiente stattfinden. Soweit zumindest die Theorie. Warum dies nicht funktioniert? Viele Unternehmen wollen sich dem Wettbewerb nicht aussetzen, was auf längere Sicht aber schief geht.

Für mich erscheint es mehr als ungewiss, ob es der Deutschen Messe gelingen wird, wie angekündigt gezielt Fachmessen ins Leben zu rufen. Einige Versuche von diversen Veranstaltern gibt es ja bereits. Aber die Branche unter einen Hut zu bringen und eine neue Leitmesse im Großen oder im Kleinen aufzusetzen, erachte ich als überaus schwierig. Zu unterschiedlich sind die Interessen und zu gering ist der Mut von Unternehmen, auf größerer Bühne in echten Wettbewerb zu treten. Lieber kochen die meisten Unternehmen nur ihr eigenes Süppchen und veranstalten stattdessen auch nur eigene Events.

Ihre

Annette Stadler

Chefredakteurin ECMguide.de