Ayelt Komus: KI wird zum Teammitglied

Rein menschliche Teams könnten künftig zur Ausnahme werden. Stattdessen kommen KI-Agenten als neue Teammitglieder hinzu. Welche technischen und organisatorischen Herausforderungen damit verbunden sind, erläutert Prof. Dr. Ayelt Komus im Interview.

Laut Ayelt Komus müssen KI-Agenten für den Unternehmenseinsatz mit entsprechenden Leitplanken versehen werden (Bild: Shahzada)

Laut Ayelt Komus müssen KI-Agenten für den Unternehmenseinsatz mit entsprechenden Leitplanken versehen werden (Bild: Shahzada)

Laut Ayelt Komus müssen KI-Agenten für den Unternehmenseinsatz mit entsprechenden Leitplanken versehen werden (Bild: Shahzada)

Inwieweit verändert generative KI in Form von ChatGPT, Copilot und Co. die Zusammenarbeit von Teams in Unternehmen?

Komus: Generative KI und KI allgemein verändern die Zusammenarbeit radikal – und wir sind auch schon mittendrin in dieser Veränderung. So müssen viele Aufgaben wie etwa kurze rechtliche Einschätzungen, der Review eines Programmcodes oder die Erstellung von Grafiken nicht mehr an Spezialisten weitergegeben werden, sondern lassen sich mit KI-Unterstützung direkt erledigen. Viele Teammitglieder sind dadurch schneller, vernetzter und multifunktionaler, wodurch die Produktivität steigt. Doch vor allem gibt es durch agentische KI nun Teams mit vollständiger oder hybrider KI-Besetzung. Hier arbeiten Menschen im Team mit Maschinen oder sogar nur noch Maschinen miteinander. Das ist für die Zusammenarbeit eine riesige Veränderung. Kommunikation und wertschätzender Umgang waren bisher auf die Zusammenarbeit von Mensch mit Mensch bezogen. Jetzt sehen wir, dass hybride Teams entstehen, in denen bestimmte Rollen an Agenten vergeben werden oder sogar an komplette KI-Teams. Dann müssen wir mit einem Agentic Team kommunizieren. Das bedeutet einen grundlegenden Wandel.

Wie wird die Zusammenarbeit von Menschen und KI-Agenten künftig konkret aussehen – und was bedeutet das für die Teams und ihre Arbeitsweise?

Komus: Die nächste Stufe besteht darin, Gen AI nicht nur wie ein besseres Google zu nutzen, also Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. AI-Agenten etwa können schon heute zunehmend selbstständig agieren und beispielsweise proaktiv darauf hinweisen: »Mit dieser Annahme könntet ihr in eine falsche Richtung laufen« oder »Da habt ihr einen wichtigen Aspekt übersehen.« Generell ist es ein großer Mehrwert, wenn ein Hinweis oder eine Information kommt, ohne dass man explizit danach gefragt hat – wie bei einem guten Freund oder eben einem Kollegen. Wenn wir diesen nächsten Schritt im Unternehmenskontext gehen wollen, müssen wir die Agenten allerdings mit einem sinnvollen Zweck und klaren Rahmenbedingungen, also entsprechenden Leitplanken, versehen. Neben der Aufgabe, klassische Kontextinformationen zu liefern, müssen wir bereit sein, die Agenten auch aktiv an der Zusammenarbeit teilhaben zu lassen. Wir erweitern damit unsere Teams zunehmend um KI-Agenten. Sie werden beispielsweise in Videokonferenzen eingebunden, können als Mithörer an Präsenzkonferenzen teilnehmen oder regelmäßig Projektdokumentationen und Workflows überprüfen. Damit verändert sich auch die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten: KI wird nicht mehr nur ein Werkzeug sein, das wir bei Bedarf aufrufen, sondern ein aktiver Bestandteil unserer Teams und Arbeitsprozesse.

Welche Hausaufgaben müssen Unternehmen jetzt dringend erledigen, damit solche Szenarien mit generativer KI, die tatsächlich die Zusammenarbeit unterstützt, möglich sind und sie einen Produktivitätsgewinn bringen?

Komus: Anders als bei früheren grundlegenden technologischen Innovationen geht die Entwicklung bei generativer KI viel, viel schneller vonstatten. Die Verbreitung geschieht ebenfalls viel schneller. Da generative KI so niederschwellig nutzbar ist, konnte schon quasi jeder selbst Erfahrung damit sammeln. KI entwickelt sich noch immer in rasanter Geschwindigkeit und wir lernen immer noch sehr Grundlegendes, wie diese Technologien zu nutzen sind. Dazu zählt auch die Erkenntnis, dass viele Hausaufgaben, die wir über die letzten 20 bis 30 Jahre ganz besonders in deutschen Unternehmen nicht gemacht haben, uns jetzt einholen. So mangelt es beispielsweise an Strukturen, dem Verständnis von Daten und Prozessen sowie an der Datenqualität. Außerdem fehlen Skills für eine effiziente Zusammenarbeit und strategische Ausrichtungen. Wer glaubt, mit generativer KI wird automatisch alles besser, der irrt. Wer vorher schon nicht gut war, läuft Gefahr, in Zukunft noch stärker abgehängt zu werden.

Mit welchen konkreten Tools können sich Unternehmen auf die Nutzung der generativen KI in Bezug auf eine bessere Zusammenarbeit vorbereiten?

Komus: Wir sehen ja bereits eine Segmentierung und funktionale Spezialisierung. Häufig wird Gen AI mit Large Language Models gleichgesetzt, aber das ist vollkommen verkürzt. Large Language Models bilden vielmehr die Basis, die dann wiederum über eine intelligente Schnittstelle genutzt werden müssen. Inzwischen gibt es ein riesiges Ökosystem an Speziallösungen, die zum Beispiel spezielle Schnittstellen, spezielle Aufgaben und so weiter abdecken. Die großen Hyperscaler wie Amazon oder Microsoft bieten ein gesamtes Ökosystem, das sich zu einer individuellen Plattform zusammenstellen lässt. Und da drin steckt der große Mehrwert. Daneben gibt es auch Packages für bestimmte Anwendungen, die spezielle Themen abdecken. Viele dieser Packages und Plattformen sind agnostisch zu den verschiedenen Large Language Models. LLMs sind sozusagen per Mausklick austauschbar, so dass man das Modell bekommt, das für das entsprechende Aufgabenfeld – sei es zum Beispiel juristischer, kultureller oder anderer Natur – am besten passt.

„Lernen als organisatorische Fähigkeit gewinnt gegenüber der Wissenskultur, die wir früher hatten, dramatisch an Bedeutung.“

Aktuell ist die Datensouveränität ein großes Thema. Wie wichtig und verbreitet sind europäische Lösungen im Bereich Digital Workplace/Collaboration?

Komus: Ich sehe eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Stand von vor zwei bis drei Jahren. Es war ja auch geradezu hanebüchen, sich über die Abhängigkeit beispielsweise beim Gas Gedanken zu machen und IT-Services, die wenige Player dominieren, in der Diskussion um Abhängigkeiten außen vor zu lassen. Doch inzwischen sehen wir einige europäische und deutsche Initiativen und Anbieter. Aber zwischen dem, was wir uns in diesem Bereich vornehmen und kommunizieren, und dem, was wir noch machen müssten, klafft eine sehr große Lücke. Die großen Nutzenpotenziale der etablierten Hyperscaler machen die oft notwendigen Entscheidungen nach wie vor herausfordernd.

Wie sollten sich Unternehmen neben den technologischen Veränderungen auf die KI-Zusammenarbeit einstellen?

Komus: Das Erste ist insgesamt das berühmte Mindset – die Einstellung zu dem Thema. Es geht um die entsprechende Kultur und um Fähigkeiten, mit Unsicherheit, mit Disruption, mit Digitalisierung und mit agentischen Kollegen umzugehen. Die Mitarbeitenden sollten Spaß und Bereitschaft für Veränderungen, fürs Ausprobieren mitbringen. Gleichzeitig ist ein grundlegendes Verständnis für Risiken, also in erster Linie Sicherheit und Datenschutz gefragt. Eventuell müssen Prioritäten verschoben werden. Lernen als organisatorische Fähigkeit gewinnt gegenüber der Wissenskultur, die wir früher hatten, dramatisch an Bedeutung. Wir entwickeln uns insgesamt von einer Wissens- zu einer Lernkultur und das muss vom oberen und mittleren Management getragen werden. Wir wissen aus unseren Studien, dass gerade im Top-Management und bei Eigentümern in einigen Unternehmen diese Fähigkeiten und Erkenntnisse noch nicht in dem Maße angekommen sind, wie man es erwarten müsste.

Woran mangelt es hier?

Komus: Bisher war die Denke oftmals, Digitalisierung und IT sind ein separates Thema, abgetrennt vom Kerngeschäft. Jedoch ist inzwischen alles digital, alles ist AI. Wir können nicht mehr die klassische Silo-orientierte Vorstellung haben, da drüben ist die IT. Ich werfe meine Anforderungen über die Mauer und dort werden sie dann realisiert.

Können Sie aus der Praxis von Beispiel-Unternehmen berichten, die KI in der Zusammenarbeit schon sehr weit integriert haben?

Komus: Es ist sehr unterschiedlich. Viele Unternehmen setzen AI schon heute beispielsweise in Feldern wie Customer Service ein und realisieren damit deutliche Verbesserungen. Insgesamt sind die Anwendungsfelder aber sehr breit gestreut. Ich sehe Unternehmen, die auf sehr unterschiedlichen Ständen sind. Es ist teilweise begeisternd, was schon möglich ist, und teilweise aber auch erschreckend, was dann doch wieder nicht funktioniert. Manchmal geht es auch zwei Schritte vorwärts und einen zurück. Der grundsätzliche Weg, KI immer mehr einzubeziehen, ist vielerorts erkennbar.

Wenn Sie einen Blick bis 2030 wagen: Welche Veränderungen erwarten Sie für den Digital Workplace und die Zusammenarbeit durch Gen AI?

Komus: Eine konkrete Prognose bis 2030 fällt mir schwer – dafür entwickelt sich Gen AI zu schnell. Was wir aber erwarten können, sind weitreichende Veränderungen im Digital Workplace und in der Zusammenarbeit. Selbst wenn die technologische Entwicklung ab morgen stagnieren würde – was sie nicht tun wird – würde es noch Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis Unternehmen und Gesellschaft die neuen Möglichkeiten wirklich ausgeschöpft und ihre Arbeitsweisen entsprechend verändert haben. Deshalb geht es für Unternehmen weniger darum, vorherzusagen, wie der Digital Workplace 2030 genau aussehen wird. Sie müssen sich kontinuierlich mit der Entwicklung auseinandersetzen, Chancen und Risiken bewerten und vor allem herausfinden, wie sie Gen AI sinnvoll für ihre eigenen Prozesse und die Zusammenarbeit nutzen können. Insgesamt werden wir sehr grundlegende Veränderungen sehen – und der Unterschied zwischen den AI-Gewinnern und den AI-Verlierern wird gravierend sein.

Über Ayelt Komus:

Ayelt Komus ist Professor für Organisation und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Koblenz. Er gilt als Vordenker für neue Organisations- und Managementformen in Zeiten von Digitalisierung und AI. Komus ist wissenschaftlicher Beirat von VOICE-Bundesverband der IT-Anwender e.V. und Chair des halbjährlichen »Strategiegipfels IT-Management« (»CIO Summit«). In seinem Podcast »Sag Mal« spricht er mit führenden Köpfen und Praktikern des IT-Managements über Themen wie Digitale Transformationen, neue Formen der Zusammenarbeit, Change und Künstliche Intelligenz. Seine Studien beleuchten unter anderem das IT-Management, Prozess- und Projektmanagement, Agile Methoden und Künstliche Intelligenz in der Praxis.

Studien, Vorträge und Podcast sind verfügbar über www.komus.de. Kontakt und Vernetzung auf LinkedIn.

About the Author: Annette Stadler

Annette Stadler ist IT-Journalistin und leitet das Online-Portal ECMGUIDE.