Europäische Firmen werden digital reifer – außer bei Content Services

Im »Digital Maturity Index 2026« von Hyland sehen die Befragten deutliche Fortschritte ihrer Firmen bei Digitalisierungsprojekten. Sie fürchten aber auch, durch die rasante Entwicklung bei KI in Bezug auf die Datenverwaltung überrollt zu werden.

Karte von Europa mit quer darüber verlaufender, zackiger Kurve und Symbolen für Digitalisierung (Grafik: Peter Marwan mit ChatGPT)

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Im »Digital Maturity Index 2026« von Hyland kletterte der Gesamtwert für die digitale Reife in Europa gegenüber 2025 um 6 auf 69 von 100 Punkten. Gleichzeitig sank der Reifegrad der Content Services, dem Fundament für sämtliche KI-Innovationen, um 13 Punkte auf 56 von 100 Punkten. (Grafik: Peter Marwan mit ChatGPT)

»Digital Maturity Index 2026« bescheinigt Digitalisierungsfortschritte

Europäische Unternehmen haben bei ihrer digitalen Transformation innerhalb eines Jahres deutliche Fortschritte erzielt. Vor allem bei Cloud-Technologien, künstlicher Intelligenz, Automatisierung und Cybersicherheit ist der Reifegrad gestiegen. Das geht aus dem »Digital Maturity Index 2026« hervor, den Hyland soeben veröffentlicht hat.

Gleichzeitig legt der Bericht jedoch nahe, dass es bei der Verwaltung und Vernetzung von Unternehmensinformationen zunehmend Probleme gibt. Gerade für Deutschland zeigt die Untersuchung einige auffällige Defizite: Viele IT-Systeme sind schlecht miteinander verbunden, Unternehmen begegnen Cloud- und Low-Code-Technologien vergleichsweise skeptisch und Sicherheits- sowie Compliance-Anforderungen bremsen die Einführung neuer Technologien.

Für die Untersuchung ließ Hyland 3.000 IT-Entscheider in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Spanien, den Benelux-Ländern und Skandinavien zu ihrer IT-Infrastruktur befragen. Bewertet wurden fünf Bereiche: Content Services, Cloud-Infrastruktur, Open-Source-, Low-Code- und No-Code-Technologien, KI und Automatisierung sowie Daten- und Cybersicherheit.

Tops und Flops des Digital Maturity Index 2026

Insgesamt erreicht Europa im Digital Maturity Index 2026 einen Wert von 69 von 100 möglichen Punkten und verbessert sich damit gegenüber dem Vorjahr um sechs Punkte. Fortschritte stellt die Studie in nahezu allen untersuchten Technologiebereichen fest. Ausnahme sind Content Services, also Systeme zur Verwaltung, Integration und Bereitstellung von Unternehmensinformationen. Während Unternehmen neue Technologien immer schneller einführen, hält die zugrunde liegende Informationsinfrastruktur offenbar nicht Schritt.

Eine wesentliche, treibende Kraft der Digitalisierung bleibt der Wunsch nach höherer Produktivität. Jeweils 35 Prozent der europäischen IT-Entscheider zählen effizientere Prozesse beziehungsweise Unternehmenswachstum zu den drei Top-Gründen für technologische Innovationen. 34 Prozent nennen zudem höhere Gewinne als Beweggrund.

Gleichzeitig hat Sicherheit eine herausragende Bedeutung: 85 Prozent halten Daten- und Cybersicherheit für wichtig, wenn neue Technologien eingeführt werden. Ähnlich hoch ist die Bedeutung von KI und Automatisierung. 82 beziehungsweise 83 Prozent sehen diese Technologien als wichtige Faktoren für die Beschleunigung von Innovationen.

KI-Nutzung rennt der Datenbasis davon

Besonders dynamisch entwickelt sich wenig überraschend der Bereich künstliche Intelligenz. Der europäische Reifegrad für KI und Automatisierung stiegt laut Index gegenüber 2025 um 14 Punkte auf 71 von 100 Punkten. Während im vergangenen Jahr lediglich zwei Prozent der befragten Unternehmen KI in allen wichtigen Systemen einsetzten, sind es inzwischen 15 Prozent. Bei der Automatisierung verfügen mittlerweile 40 Prozent der Befragten über entsprechende Funktionen in der großen Mehrheit oder allen wichtigen Systemen. Im Vorjahr waren es erst 22 Prozent.

Doch verschärft ausgerechnet der KI-Boom nach Einschätzung der Studienautoren ein grundlegendes Problem. Als einzige untersuchte Kategorie ist der Reifegrad der Content Services gesunken (von 69 auf 56 Punkte). 60 Prozent der Befragten berichten von Informationssilos in ihren Unternehmen. 54 Prozent glauben, dass ihre Daten und Dokumente zu unstrukturiert oder zu stark verstreut sind, um KI zuverlässig einsetzen zu können.

KI-Zeitalter braucht ein solides Content-Fundament

Hyland sieht darin die Gefahr einer Spirale: Neue KI-Anwendungen erzeugen beziehungsweise verarbeiten immer größere Datenmengen, während fragmentierte Informationsarchitekturen deren zuverlässige Nutzung erschweren.

»Auf Content, der nicht verwaltet wird, lässt sich kein intelligentes Unternehmen aufbauen«, sagt John Newton, Chief Innovation Strategist bei Hyland. »Europa investiert massiv in KI, während das Informationsfundament darunter an Substanz verliert. Oberflächlich betrachtet sieht das nach Fortschritt aus. Doch KI ist nur so gut wie der Content, auf den sie zugreifen, den sie verstehen und dem sie vertrauen kann. Genau dieses Fundament gerät derzeit unbemerkt ins Wanken.«

Die Inhalte seien in den Unternehmen bereits vorhanden, meint Newton. »Es fehlt jedoch ein Weg, sie zusammenzuführen, zu steuern und zu verknüpfen, damit Mensch und KI auf einer verlässlichen Grundlage handeln können. Im KI-Zeitalter werden diejenigen Unternehmen erfolgreich sein, die für ein solides Content-Fundament sorgen«, so seine Empfehlung.

Hyland hat John Newton als Chief Innovation Strategist gewonnen. (Bild: Hyland)

»Europa investiert massiv in KI, während das Informationsfundament darunter an Substanz verliert«, warnt John Newton, Chief Innovation Strategist bei Hyland.. (Bild: Hyland)

Allerdings kommen der Umfrage zufolge viele Digitalisierungsprojekte nicht über die Erprobungsphase hinaus. 57 Prozent der europäischen IT-Entscheider stimmen der Aussage zu, dass zu viele Innovationsinitiativen im Pilotstadium stecken bleiben und nie produktiv eingesetzt werden. Als wesentliche Ursache identifiziert die Studie schlecht miteinander verbundene Systeme. Europaweit berichten 50 Prozent der Befragten von diesem Problem.

Damit kommen die von Hyland befragten noch gut weg. Laut »AI Trend Report« der Beratungsfirma OMMAX scheitern sogar 79 Prozent aller KI-Initiativen während oder nach der Pilotphase. Auch der EU-Bericht »The State of the Digital Decade 2026« wartet in Bezug auf die digitale Reife oder den Durchdringungsgrad mit aktueller digitaler Technologie vielen Bereichen mit niedrigeren Werten auf. Demnach nutzen 46,7 Prozent der Firmen in der EU  Cloud Computing, 39,9 Prozent Data Analytics und nahezu 20 Prozent greifen auf KI zurück. Die KI-Adaption nahm demnach 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 48 Prozent zu.

Deutschlands Probleme mit IT-Silos

Gerade hier fällt Deutschland besonders negativ auf. Während europaweit jeder zweite Befragte mangelhaft miteinander verbundene Systeme als Innovationshemmnis bezeichnet, sind es in Deutschland 64 Prozent. Damit deutet die Studie an, dass hierzulande nicht unbedingt der Zugang zu neuen Technologien das Hauptproblem darstellt, sondern deren Integration in bestehende IT-Landschaften.

Auch bei der Cloud-Nutzung zeigt sich eine gewisse Zurückhaltung. Europaweit erreicht die Cloud-Reife 74 von 100 Punkten und liegt damit acht Punkte über dem Vorjahreswert. 42 Prozent der Organisationen arbeiten inzwischen entweder vollständig in der Cloud oder haben alle Systeme migriert, bei denen dies möglich ist. 2025 lag dieser Anteil erst bei 32 Prozent. Allerdings glauben europaweit 16 Prozent der Unternehmen weiterhin nicht daran, dass Cloud-Technologien ihrem Geschäft Vorteile bringen. In Deutschland und den Benelux-Staaten beträgt dieser Anteil sogar 21 Prozent.

Cloud-Adaption und Digitale Souveränität

Die aktuelle geopolitische Lage dürfte diese Befürchtungen noch untermauern – vor allem, wenn es um Cloud-Dienste geht, die aus den Rechenzentren der US-Hyperscaler erbracht werden. Spannend ist es vor diesem Hintergrund, dass zuletzt insbesondere US-Firmen aus dem Bereich IT-Security angekündigt haben, ihre Dienste auch auf europäischen Clouds laufen und von lokalen Teams der Cloud-Anbieter betreiben zu lassen. Zum Beispiel setzen CrowdStrike und Zscaler seit kurzem mit diesem Modell auf Stackit, die Cloud der Schwarz Gruppe. Und Versa arbeitet in ähnlicher Konstellation mit Noris Network aus Nürnberg zusammen.

Im Bereich ECM nimmt OpenText eine Vorreiterrolle ein. Die Kanadier sind in Bezug auf Digitale Souveränität mit ihrem Angebot ohnehin etwas im Vorteil. Zusätzlich haben sie im April noch eine Kooperation mit S3NS angekündigt, einer Allianz zwischen dem französischen Cybersecurity-Anbieter Thales und Google Cloud. Aber ansonsten dominiert bei der Cloud-Bereitstellung die Nutzung von US-Infrastruktur – selbst bei europäischen Anbietern wie M-Files und DocuWare. Hohe Souveränitätsanforderungen bedienen Anbieter wie ELO oder d.velop durch die Möglichkeit, unterschiedliche Betriebsmodelle zu wählen.

Skepsis bei Low-Code und No-Code

Ähnliche Skepsis wie gegenüber der Cloud findet sich bei Low-Code und No-Code. Der europäische Reifegrad in der zusammengefassten Kategorie Open Source, Low-Code und No-Code steigt deutlich um zehn Punkte auf 69. Doch viele Unternehmen zweifeln an Skalierbarkeit und Anpassbarkeit der Entwicklungsplattformen. Besonders ausgeprägt sind die Vorbehalte in Deutschland: 50 Prozent der deutschen Befragten halten ihre Anforderungen für zu komplex, um sie mit Low-Code- oder No-Code-Technologien abzudecken.

Sicherheit und Compliance als Belastung

Europaweit erreicht Cybersicherheit mit 76 von 100 Punkten den höchsten Reifegrad der fünf untersuchten Kategorien. Gegenüber 2025 entspricht das einem Plus von elf Punkten. 79 Prozent der Organisationen geben inzwischen an, dass die große Mehrheit oder sämtliche ihrer Systeme durch ihre Cybersecurity-Maßnahmen geschützt seien. Im Vorjahr waren es erst 61 Prozent.

Deutschland bleibt allerdings auch hier teilweise hinter dem europäischen Durchschnitt zurück. Europaweit erklären 28 Prozent der Unternehmen, über eine unternehmensweite Datensicherheitsstrategie zu verfügen. In Deutschland sind es 25 Prozent.

Noch auffälliger ist der Einfluss von Regulierung und Compliance auf die Digitalisierung: Drei Viertel der deutschen Befragten geben an, dass Sicherheits- und Compliance-Anforderungen die Einführung neuer Technologien verlangsamen. Das ist ein auffällig hoher Wert, zumal die meisten Regelungen in den anderen EU-Ländern ja ebenso gelten.

Hinzu kommt der Fachkräftemangel. 36 Prozent der deutschen Unternehmen nennen fehlende Mitarbeiterkompetenzen als Hindernis für einen stärkeren Einsatz von KI und Automatisierung. Deutschland liegt damit allerdings nicht allein: Für Großbritannien weist die Untersuchung denselben Wert aus. Und die Briten haben es dennoch geschafft, in dem Vergleich als digital reifste Region hervorzugehen.

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