Also doch: Documentum geht von Dell/EMC an Opentext

Schon seit Monaten wurde in der Enterprise-Content-Management-Branche (ECM) darüber spekuliert: Wenn Dell und EMC zu Dell Technologies zusammen gehen, passt da die ECM-Tochter Documentum noch rein? Vor allem als bekannt wurde, dass bei dem Dell/EMC-Multimilliarden-Deal die Refinanzierung auf dünnen Beinen steht, und bereits etliche andere Tochterunternehmen deshalb veräußert wurden.

Nun haben sich also die Gerüchte bestätigt: Documentum wird von Dell Technologies verkauft, und zwar an den kanadischen Wettbewerber OpenText. Die Kanadier sind zwar als agiler Akquisiteur bekannt. Aber zuletzt hatte man etliche größere Brocken geschluckt, und so war man nicht gerade flüssig für die Documentum-Akquisition.

1,62 Milliarden US-Dollar Transaktionswert – eine Menge Holz auch für Opentext

Denn der Transaktionswert umfasst 1,62 Milliarden US-Dollar. Opentext muss sich deshalb bei der Hausbank Barclays immerhin eine Milliarde US-Dollar leihen. Der Kaufpreis entspricht zirka 2,7mal den Umsätzen des Jahres 2015 in Höhe von rund 600 Millionen US-Dollar. Das ist akzeptabel für ein Softwarehaus. Opentext avanciert damit mit megaweitem Abstand zum weltweit größten Softwareanbieter von ECM- und Enterprise-Information-Management-Lösungen (EIM).

»An die Problematik der Integration, der Schaffung eines stabilen Unternehmens und eines durchgängigen Portfolios wagt man kaum zu denken – denn auch bei EMC war vieles nicht richtig zusammengeführt, zum Beispiel InfoArchive, LEAP und andere Module«, urteilt Branchenbeobachter Dr. Ulrich Kampffmeyer, Geschäftsführer von Project Consult Unternehmensberatung, in einem Blog-Beitrag. »Nein, Freunde, beschleunigen wird dies erst mal gar nichts, da Opentext jetzt schon einen ziemlich unsortierten Bauchladen hat. Die Arbeiten, um wirklich ein ‚Fully Integrated Enterprise Information Management Portfolio’ anzubieten, werden sich über Jahre hinziehen – wenn es denn nicht sowieso bei separaten Unternehmenssparten bleibt. Und das eine oder andere aktuell zum Verkauf stehende Unternehmen könnte als Abrundung für Opentext auch noch interessant sein.«

Wie reagieren andere ECM-Softwarehäuser auf den Dell-Documentum-Opentext-Deal?

Interessanter ist jetzt die Frage, wie die anderen großen Softwareanbieter darauf reagieren. IBM kann laut Dr. Kampffmeyer sicher noch Paroli bieten, aber von Oracle oder HPE könne man in Punkto ECM nicht viel erwarten. »Die ECM-Software-Division von Lexmark ist quasi in Auflösung und kann schwerlich noch zu den ganz Wichtigen gerechnet werden«, meint der Branchenexperte. »Microsoft? – wandert mit Sharepoint in die Cloud, ohne dass Sharepoint jemals überhaupt den Anspruch an ein vollständiges ECM erfüllt hätte.«

Unterhalb dieser Riege dürften sich die größeren Mittelständler versuchen zu positionieren. Deutschland hat ja etliche davon, beispielsweise ELO Digital Office, Optimal Systems oder DocuWare. Aber die »Game Changer« dürften laut Dr. Kampffmeyer die großen Internet-Konzerne mit SaaS-Angeboten werden. Auch hier brauche Opentext noch eine schlagkräftige Antwort – von den ganzen Kleineren einmal ganz zu schweigen. Denn viel von dem, was Opentext im Kern ausmache und besonders die Neuerwerbung Documentum, seien eigentlich schon jenseits ihres Lebenszyklushöhepunktes. »ECM ist so gesehen ein Sammelsurium von Altlasten«, meint Dr. Kampffmeyer.

Das dürfte zwar nicht jeder so in der Branche sehen – aber für Diskussionsstoff ist auf dem ECM/EIM-Segment in den nächsten Monaten so oder so gesorgt.

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About the Author: Engelbert Hörmannsdorfer